Ausgabe Oktober 2006

Gedenkpolitischer Paradigmenwechsel

Mangelnde Sensibilität, politische Instinktlosigkeit, Versagen als Redner – Ministerialdirektor Hermann Schäfers Auslassungen zur Eröffnung des Konzerts „Gedächtnis Buchenwald“ sind vielfältig interpretiert worden. Doch blieben diese Interpretationen in der Regel personenbezogen – bezogen auf einen Mann, dem immerhin als verantwortlichem Leiter der Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ Lob ausgesprochen worden war, dessen Arbeit überdies als gesellschaftlich konsensfähig galt. Vielleicht wurde gerade deshalb die Frage in den Mittelpunkt gerückt, ob er einem falschen Rollenverständnis erlegen sei: politische Instinktlosigkeit eben. Doch wofür bedarf es bei dieser Thematik nach etlichen Jahren florierender Erinnerungskultur bei Profis dieses Genres eines besonderen „politischen Instinkts“? Welche Pfadfinder sollen hier welche Pfade finden?

Um derlei Fragen hinsichtlich eines möglichen erinnerungspolitischen Backlashs erst gar nicht diskutieren zu müssen, verlegte sich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ gleich auf eine Argumentation, die den erinnerungskulturellen Kontext denunzierte. Der Tenor: Bei dem Gedenkkonzert zu Ehren der Buchenwald-Häftlinge handle es sich um ein untaugliches Ritual, mit dem sich die an diesem Ort manifeste Kluft zwischen Kultur und Barbarei nicht schließen lasse. Der Neuerer Schäfer habe deshalb notwendig scheitern müssen. Altmeister Walser lässt grüßen.

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo