Ausgabe Mai 2007

Migranten als Avantgarde?

„Europa lässt uns nicht träumen“, sagt die niederländische Philosophin und Feministin Rosi Braidotti. Es fehle ein „soziales Imaginäres“, das sich nicht wieder nur aus dem Ideenreservoir der Nation speist, sondern eine andere Vorstellung postnationaler, „nomadischer“ Identitäten und Staatsbürgerschaften entwirft. Tatsächlich würde sich die Chance, diese Lücke zu füllen, gerade jetzt bieten, wo Europa dabei sei, sich selbst und seinen politischen Raum neu zu erfinden. Zudem hätten gerade postnationale Ideen – so Braidotti weiter – am Anfang des europäischen Neubeginns nach dem Zweiten Weltkrieg gestanden, waren es doch die Erfahrungen des deutschen NSFaschismus, seines Nationalismus und Rassismus, die das soziale Imaginäre eines anderen Europa beflügelten. Vor allem die Kosmopoliten der jüdischen und antifaschistischen Diaspora entwickelten den „dritten Ort“ eines posttotalitären, postnationalen Europas als realpolitische Perspektive der Nachkriegzeit. 1

Heute scheinen diese von Braidotti angesprochenen Ursprünge des modernen Europa vergessen. Der kosmopolitische Traum von einem offenen Europa, das seine historischen Grenzen überwindet, ist indes nicht tot.

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In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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