Ausgabe März 1990

Perestroika unter Druck

Gorbatschows Reformpolitik nach 5 Jahren

Westliche Beobachter - ebenso wie sowjetische Publizisten - intensivierten von Beginn der Ära Gorbatschow an die Diskussion eines Kernthemas der "Sowjetologie", das Stephen Cohen auf die bündige Formel von den "Freunden und Gegnern von Veränderungen" brachte (Rethinking the Soviet Experience, Oxford 1985, Kapitel 5). "Kann Gorbatschow seine Vision einer grundlegend erneuerten Konzeption und Realität des sowjetischen Sozialismus durchsetzen oder werden ihn die Kräfte des Beharrens auf den überkommenen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen zu Fall bringen, ähnlich wie im Jahre 1964 Nikita Chruschtschow?" lautete die Frage. Heute, am Beginn des sechsten Amtsjahres Gorbatschows, zeichnen sich deutlich vielschichtigere und zugleich brisantere Alternativen ab.

Aus dem Bündel unterschiedlicher, widersprüchlicher und komplexer Tendenzen lassen sich vor allem drei Gebiete aussondern, auf denen im Verlauf des vergangenen (und z.T. schon des vorvergangenen) Jahres dramatische Verschärfungen der Problemlagen und der Gegensätzlichkeit politisch-gesellschaftlicher Interessen- und Zielorientierungen unübersehbar sind.

März 1990

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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