Ausgabe Januar 1991

Aufbruchsstimmung in Irland

Irland ist seit einigen Tagen - seit dem Händedruck im Stollen des neuen Ärmelkanaltunnels - die letzte „richtige" Inselnation Europas. Dieses Inseldasein drückte sich im zurückliegenden Jahrzehnt vor allem in der Beflissenheit aus, dem polnischen Papst in vorauseilendem Gehorsam jeden auch noch so scholastischen Wunsch von den Lippen abzulesen und seinen familienrechtlichen Kanon in Verfassung und Gesetz zu verankern.

Seit der Wahl der aufgeklärten Anwältin Mary Robinson ins höchste Staatsamt der Republik - und erst recht seit ihrem Amtsantritt am 3. Dezember - atmen die mit Niederlage, Demütigung und Resignation sattsam vertrauten Liberalen Irlands wieder freier: Die Zukunft, so scheint es, ist plötzlich wieder machbar geworden; Irland ist offenbar doch nicht dazu verdammt, auf ewig spöttische Schlagzeilen wegen rarer Präservative zu machen. Immerhin lohnt es sich, in diesem Zusammenhang festzuhalten, daß noch im Februar 1985 die Regierung FitzGerald um ein Haar gescheitert wäre, weil sie gegen den erklärten Willen der katholischen Kirche ein Gesetz durchs Parlament peitschte, wonach das Vorweisen eines Trauscheins beim Erwerb eines Parisers nicht mehr erforderlich sei. Gut ein Jahr später schmetterten die irischen Wähler mit Zweidrittelmehrheit die Einführung der zivilen Ehescheidung ab.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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