Man kann nach den Landtagswahlen fast 700000 "Protestwähler" nicht mehr gut als "lunatic fringe" der neuen deutschen Gesellschaft abtun und mit Nichtachtung strafen. Die Verfechter der Theorie, daß die repräsentative Demokratie sich am besten über das Parteiensystem, definiert durch Wahlgesetz, Parteiengesetz und Wahlkostenerstattung realisiert, sind aufgeschreckt. Was 30% Nichtwähler nicht erreichen, weil ihre politische Verdrossenheit sozusagen vorsteuerlich abgeschrieben werden kann, das erreichen 10% Wähler rechts von den Christdemokraten. Die medienöffentlichen Reaktionen nach diesem Ereignis sind auf charakteristische Weise hilflos. Die Parteien wissen nicht, was sie außer dem Gemeinplatz, daß das bedauerliche Denkzettel waren, und außer den fortgesetzten Schienbeintritten jeweils nach der anderen Seite dazu sagen sollen. Elefantenrunden werden vorsichtshalber nicht mehr veranstaltet sie bereiten den Elefanten zuviel Verlegenheit, und auch den Veranstaltern, die nicht mehr wissen, ob sie nun die Grünen dazu einladen müßten oder nicht, ob sie die Rechtsaußenparteien von ihrem Katzentisch an die Haupttafel zurückholen sollen, nachdem sie in zwei Ländern zur drittstärksten Kraft nach den beiden Hauptelefanten aufgestiegen sind.
Am 6. September, in gut sechs Wochen, findet die wohl wichtigste deutsche Wahl dieses Jahres statt, nämlich die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Seit Monaten liegt die AfD in allen Umfragen klar vorn, stets um die 40 Prozent, mit kaum mehr einholbarem Abstand vor der Union.