Ausgabe Juli 1994

Orwell 1994

In Italien hat ein politischer Umbruch stattgefunden, der mit denen in den osteuropäischen Ländern vergleichbar ist. Eine ganze politische Klasse mußte abtreten, Parteien, die über Jahrzehnte hinweg in einer Art Multi-Einparteiensystem die Macht innehatten, sind von der Bildfläche verschwunden. Das alles war (auf der Ebene der konkreten Ereignisse) die Folge einer einzigartigen Aktivität des Justizsystems: Allein gegen Mitglieder des Parlaments und der Regierung wurden 851 Strafanträge gestellt, selbst Parteivorsitzende, Ratspräsidenten und Minister haben mit Gefängnisstrafen zu rechnen. Die Aktion Mani Pulite (saubere Hände) wurde in der Öffentlichkeit als ein radikaler Reinigungsprozeß begrüßt, das Wahlrecht wurde verändert, und die ersten auf ihm beruhenden Wahlen brachten erwartungsgemäß völlig neue Parteien und Personen in fast alle politischen Ämter. Parteien? In der Dreierkoalition gibt es nur eine klassische Partei: die Neofaschisten der Nationalen Allianz. Die beiden anderen sind eher regional-ethnische (Lega Nord) und ökonomische (Forza Italia) Interessengruppen.

Personen? Der "Corriere della Sera" sprach von "Plastikmenschen" und "im Labor gefertigten Klonen".

Juli 1994

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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