Ausgabe November 1995

Political Correctness: Vom linken Wahn zur rechten Wirklichkeit

So etwas hat die ehrwürdige Alma Mater Heidelbergensia seit den militanten Nachwehen der Studentenbewegung nicht erlebt. Das Auditorium Maximum von Polizei abgeriegelt, strenge Einlaßkontrollen. Auch auf dem Podium, hinter dem Redner, auffallend diskret breitschultrige Herren - und dann Er, nach Jahren wieder in der Öffentlichkeit, obwohl die Veranstaltung aus Sicherheitsgründen nicht angekündigt war, der Saal gesammelt voll, denn vertrauenswürdige Persönlichkeiten waren natürlich diskret angesprochen worden. In der Woche darauf kann man im "Spiegel" lesen, was der Redner sich jetzt anschickt zu sagen. Wird er, der Verfolgung müde, einknicken? Nein, trotz Lebensgefahr spricht er es aus: "Zur Zeit ist es... der Tugendterror der political correctness, der freie Rede zum halsbrecherischen Risiko macht." 1)

Der Redner redet nicht von Fatwa oder Fundamentalismus. Es tönt auch kein englisches, sondern ein südwestdeutsches Idiom von der Bühne, denn da steht nicht Salman Rushdie, sondern Martin Walser. Und selbstverständlich trägt der deutsche Schriftsteller seinen Text "Über freie und unfreie Rede", lange vorher angekündigt, ohne Leibwächter und Polizeischutz in der Heidelberger Universität vor - als Dank für den mit 20 000 Mark dotierten Dolf-Sternberger-Preis.

November 1995

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.