Ausgabe Juni 1997

Direkte Demokratie à la Fujimori

Das Ende war so spektakulär und überraschend wie der Beginn. Als die Rebellen der „Revolutionären Bewegung Tupac Amaru“ (MRTA) am 17. Dezember die japanische Botschaft in Peru überfielen und mehr als 400 Geiseln nahmen, da glaubten die Peruaner an einer Wiederauferstehung der Toten. Denn eigentlich galten die Guerilleros als vernichtet. Der Überfall auf die japanische Residenz bewies das Gegenteil.

Die Geiselnehmer brachten Fujimori in einer ausweglose Lage, so glaubten viele: Er müsse entweder verhandeln und dabei Schwäche zeigen oder die Botschaft stürmen lassen und Dutzende Geiseln in den Tod schicken. Wie er sich auch entscheide, er könne nur verlieren. Mit der perfekt inszenierten militärischen Rückeroberung strafte nun der Präsident alle Vorhersagen Lügen.

Als die längste Geiselnahme in der Geschichte Lateinamerikas nach 126 Tagen innerhalb von 37 Minuten beendet war, hieß die Bilanz: 2 Tote Soldaten, ein an Herzversagen gestorbener Politiker, 14 tote Rebellen – zehn von ihnen unter 21 Jahren, zwei gerade einmal 15. Und ein peruanischer Präsident, der die größte drohende Niederlage seiner Amtszeit in seinen größten Sieg verwandelt hatte. Die Weltpresse jubelte, das Ausland gratulierte, die Popularität des Präsidenten stieg in ungeahnte Höhen. Der Erfolg hatte Alberto Fujimori wieder einmal brutal Recht gegeben.

Juni 1997

Sie haben etwa 69% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 31% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo