"Heute lernen wir die Sprache, in der Gott Leben schuf", sagte Bill Clinton während der Pressekonferenz im Weißen Haus am 26. Juni, bei der die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes durch Craig Venter (Celera Genomics) und Francis Collins (Human Genome Project) vorgestellt wurde. So großartig der Satz klingt, so unrichtig ist seine Aussage. Die Buchstaben, besser die Hieroglyphen des "Buch des Lebens", das achthundert mal größer als die Bibel ist, sind zwar erfasst. Um aber die Sprache und Syntax vollständig zu verstehen, bedarf es noch eines Steins von Rosette - und der lässt sich nicht irgendwo am Wegrand der Genomforschung finden und von einem modernen Jean François Champollion enträtseln. Weltweit werden Teams von Forschern diese Aufgabe lösen müssen, die noch viel Zeit und Geld erfordert. Das Zeitalter der "Postgenomics" ist eben erst angebrochen, die Büchse der Pandora noch verschlossen. Dennoch, die - wissenschaftlich gesehen fraglos epochale - Tat wird nahezu unisono gerühmt: ein einzigartiges Geschenk für die Menschheit, eine Erfindung bedeutender als die des Rades oder des Feuers, gewaltiger als das Apolloprojekt, ein Meilenstein in der Menschheitsgeschichte.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.