Ausgabe Juli 2002

Katzenjammer in Madrid

Eine zweite Umarmung kann selten so herzlich sein wie die erste. Deswegen durfte man sich vom Madrider Gipfeltreffen im Mai 2002 zwischen der EU und Lateinamerika keine Überraschungen erwarten. Die politischen Tupfer, welche die Tagungsroutine abdriften ließen, müssen allerdings beunruhigen. Erinnern wir uns: Europa und Lateinamerika ergeben eine alte Beziehungskiste. Bereits 500 Jahre dauert die historische - wenngleich asymmetrische Partnerschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Europas Integration Gestalt anzunehmen begann, insinuierte Lateinamerika, inzwischen fest in das von den USA dominierte panamerikanische System eingebunden, auf eine neue, eine substanzielle Partnerschaft, als diagonale Kooperation zweier geographischer Subsysteme, die beide gegenüber Washington mehr Autonomie wünschten.

Europa - das Europa von Brüssel - stellte sich lange taub und bot Austausch lediglich im Rahmen seiner globalen Entwicklungspolitik an. Erst in den 80er Jahren, als Brüssel in der mittelamerikanischen Krise politisch Profil zeigte und Spanien sowie Portugal als neue EU-Mitglieder den diagonalen Blick über den Atlantik intensivierten, ergaben sich handfeste Annäherungen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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