Ausgabe Februar 2003

Bundesrat auf Abwegen

Das Urteil war keine Überraschung mehr. Kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres kippte das Bundesverfassungsgericht das Zuwanderungsgesetz. Die Mehrheit der Karlsruher Verfassungsrichter kam zu der Auffassung, das rot-grüne Zuwanderungsgesetz sei verfassungswidrig zu Stande gekommen und damit nichtig. Die Bundesratsmehrheit war keine. Kaum war das Urteil verkündet, ging der alte Schlagabtausch weiter. Um Inhalte geht es bei dem Streit um das Zuwanderungsgesetz schon lange nicht mehr. Vielmehr drehte sich alles um programmatische Deutungshoheit, die Inszenierung von Politik und allem voran die Demonstration von Macht. Vor allem aber haben die Parteien selten deutlicher als bei der Diskussion über die Zuwanderung und deren gesetzliche Regelung demonstriert, dass die föderale Ordnung des Landes völlig aus den Fugen geraten, der Bundesrat eine Fehlkonstruktion ist.

Ein Ende dieses Schlagabtausches ist nicht absehbar. Es lässt sich leicht vorhersagen, dass auch in diesem Jahr ein Einwanderungs- oder Zuwanderungsbegrenzungsgesetz nicht verabschiedet werden wird. Nichts geht mehr im bundesdeutschen Föderalismus. Wie schon im Bundestagswahlkampf wird nun auch im Landtagswahlkampf in Niedersachsen und Hessen das Zuwanderungsgesetz auf dem Altar parteipolitischer Machtspiele geopfert werden. Selbst nach dem Urnengang am 2. Februar wird sich wenig bewegen, schließlich wählt Bayern im Herbst einen neuen Landtag.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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