Bürgerkriegsökonomien | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Bürgerkriegsökonomien

Liberia: Erfolgsstory eines Kriegsherrn

von Maraike Wenzel

In Liberia herrscht seit 1989 Bürgerkrieg. Massaker, andauernde Gefechte und das Leid der Bevölkerung sind keine neuen Erscheinungen. Neu ist in diesem Zusammenhang nur das internationale Medieninteresse. Charles Taylor, der als Rebellenführer Liberia in den Bürgerkrieg führte und ab 1997 als legitim gewählter Präsident die liberianische Regierung übernahm, galt als der Prototyp und erfolgreichste Warlord seiner Zeit. Am 11. August diesen Jahres musste er auf Druck der Internationalen Gemeinschaft und der zwei Rebellenorganisationen LURD (Liberians United for Reconciliation and Democracy, Vereinigte Liberianer für Versöhnung und Demokratie) und MODEL (Movement for Democracy in Liberia, Bewegung für Demokratie in Liberia) das Regierungsgeschäft an seinen Vizepräsidenten Moses Blah übergeben.

Was Liberia in den letzten 14 Jahren durchlebte, zeigt musterhaft eine Bürgerkriegssituation, in der ökonomische Faktoren eine maßgebliche Rolle für die Kriegsdynamik spielen.

Charles Taylor hat Wirtschaftswissenschaften in den USA studiert und sich in der Opposition gegen den letzten Präsidenten der ameriko-liberianischen Dynastie William Tolbert betätigt. Seit der Gründung Liberias 1847 dominierten die Ameriko-Liberianer, freigelassene Sklaven aus den USA und deren Nachfahren, die politischen Geschäfte. Nach dem Putsch 1980 erhielt Taylor unter Präsident Samuel Doe einen hochrangigen Regierungsposten und floh 1985 mit einem Teil der Staatskasse. In den USA kam er daraufhin wegen illegaler Waffengeschäfte in Haft. Sein Ausbruch aus dem Gefängnis in der Nähe von Boston ließ Vermutungen aufkommen, die CIA habe Taylor dabei unterstützt, um ihn gegen Doe einzusetzen.

1989 fiel Taylor mit seiner Rebellenorganisation NPFL (National Patriotic Front of Liberia, Nationalpatriotische Front Liberias) mit Hilfe von Rückzugsbasen in der Elfenbeinküste und logistischer wie materieller Unterstützung von Seiten Burkina Fasos und Libyens in Liberia ein. Sein Angriff richtete sich gegen Präsident Samuel Doe, welcher die ameriko-liberianische Elite entmachtet, jedoch das von Misswirtschaft, Korruption und Patronage geprägte System weitergeführt hatte.1 Nach Taylors Einmarsch bildeten sich mehrere Rebellen- und Splittergruppen: 1996 zählte man bis zu 20 Bürgerkriegsparteien. Taylor jedoch behauptete sich als der gerissenste Kriegsunternehmer und kontrollierte bald weite Teile des Landes. Die Rebellen finanzierten sich einerseits durch Raub und Plünderung, andererseits durch den Zugriff auf Ressourcen der von ihnen kontrollierten Territorien. Durch informelle und kriminelle Handelsnetze (die Häfen Monrovia und Buchanan waren nicht umsonst stark umkämpfte Kriegsschauplätze) schufen sich die Akteure der liberianischen Bürgerkriegsökonomie Zugang zum Weltmarkt.

Die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (ECOWACS) griff als ein weiterer regionaler Akteur 1990 in den Konflikt ein und spielte eine zwielichtige Rolle. Die Beobachterund spätere Eingreiftruppe ECOMOG (Ecowas Cease-Fire Monitoring Group) konnte den Mord an Präsident Doe durch eine Rebellengruppe (Independent National Patriotic Front of Liberia, Unabhängige nationalpatriotische Front Liberias - unter Prince Johnson) nicht verhindern. Während die regionale Eingreiftruppe die schwache Interimsregierung Sawyer in Monrovia schützte (deren Einflussgebiet sich lediglich auf Teile Monrovias erstreckte), profitierten einzelne Personen dieser Truppe von dem herrschenden Bürgerkrieg. Durch eine konsequente und organisierte wirtschaftliche Ausbeutung vor Ort trug die ECOMOG zur Verlängerung des Konflikts bei. Nigeria war die treibende Kraft bei der Einrichtung der ECOMOG-Truppe und bemühte sich, einen regionalen Flächenbrand durch das Übergreifen des Konflikts auf die benachbarten Staaten zu verhindern. Zudem gab es wirtschaftliche Motive: Nigeria war Importeur von und Investor in Liberias Eisenvorkommen. Der Volksmund taufte die ECOMOG in "Every Car and Moving Object Gone" um, und selbst hochrangige US-Kreise beschuldigten die nigerianische Truppen, den Hafen als Transitstation asiatischen Heroins zu nutzen, an die unterschiedlichsten Rebellenfraktionen Waffen zu verkaufen und im großen Stil Maschinen, Werkzeuge und Autos nach Nigeria zu transportieren.2

Einerseits aus wirtschaftlichen Interessen, andererseits um von dem eigenen Kriegsschauplatz abzulenken, trug Taylor den Konflikt in die Nachbarstaaten. Bereits seit den 90er Jahren unterstützte er die Rebellenorganisation RUF (Revolutionary United Front, Revolutionäre Vereinigte Front) in Sierra Leone und schöpfte bis Ende der 90er aus dem Diamantenreichtum des Landes (1998 intervenierte die ECOWAS). Burkina Faso diente als Umschlagplatz für die materielle Unterstützung Libyens. Die Elfenbeinküste galt als Verbündeter Taylors, in der Zeit seiner Präsidentschaft hingegen als Unterstützer der MODEL.

Da Liberia und die Vereinigten Staaten historisch sehr enge wirtschaftliche und politische Kontakte pflegten, erwartete die internationale Gemeinschaft zunächst von den USA ein Engagement in Liberia. Zur Zeit des Kalten Krieges bildete Liberia die wichtigste CIA-Basis in Westafrika. US-amerikanische Firmen wie Firestone verfügten über einen beträchtlichen Einfluss auf das Land und profitierten von der umfangreichen Kautschukproduktion - Liberia wurde zeitweise Republik Firestone genannt.3

Die USA engagierten sich hingegen indirekt, indem sie Nigeria/ECOWAS finanziell und logistisch unterstützten. Nigeria wusste die Abneigung der USA, in den Konflikt mit hineingezogen zu werden, für sich und seine regionale Vormachtstellung zu instrumentalisieren. Frankreich, mit seinen Interessen vor allem im frankophonen Westafrika, stand hinter der Elfenbeinküste. Für Taylors Wahl 1997 zum Präsidenten war es von großer Bedeutung, dass er weite Teile des Landes kontrollierte und es ihm gelang, sich durch die Ausbeutung von Ressourcen und den Aufbau krimineller Netzwerke, Waffen anzuhäufen und sein Image aufzubauen. Außerdem begann die ECOWAS auf Drängen Ghanas, ab 1994 ihre Strategie zu ändern, und die Warlords an den Verhandlungen zu beteiligen. Nachdem sie fünf Jahre gegen den erfolgreichen Rebellenführer gekämpft hatte, verhalf die ECOWAS ihm 1997 zum Präsidentenamt und beendete 1998 ihre langjährige Mission.

Die Bevölkerung des im Chaos zu versinken drohenden Landes gab dem Warlord ihre Stimme, dem es die größte Durchsetzungskraft zutraute. Taylor, zunächst Rebellenführer, avancierte zum erfolgreichsten Kriegsunternehmer und schließlich zum gewählten Präsidenten.

Die verschiedenen Bürgerkriegsparteien finanzierten sich durch Raub, Plünderungen, Ausbeutung der Ressourcen (Eisenerz, Diamanten, Kautschuk), Geldwäsche, Schmuggel und mit Hilfe externer Verbündeter. Auch die liberianische Exilgemeinde in den USA spielte als Finanzierungsquelle eine bedeutende Rolle. Taylor griff auf enge Verbündete zurück, die ihn mit Waffen, Geld und militärischem Training versorgten. Innerhalb der von ihm kontrollierten Landesteile ("Greater Liberia") baute er rasch nach Beginn des Bürgerkriegs regierungsähnliche Strukturen auf und verstand es, die Wirtschaftstätigkeit in diesen Gebieten aufrechtzuerhalten. Er sicherte sich Macht und Einfluss, indem er seine eigenen Eliten mit Beute oder Zugang zu Ressourcen und Ämtern entlohnte.4 Diese Kontrolle weiter Teile des Landes ermöglichten Taylor, lukrative Verträge mit multinationalen Konzernen zu schließen (Eisenerz, Kautschuk). Diese Konzerne (wie Firestone) finanzierten also den Konflikt mit, auch durch immense Schutzgeldzahlungen und Steuern.

Seit die UNO den Handel mit Konfliktdiamanten zunächst in Sierra Leone (2000) und später in Liberia verboten hatte (Resolution 1343 vom 7. März 2001) und Taylor somit um seine einträglichste legale Finanzierungsquelle brachte - der daraufhin einsetzende Schmuggel von Diamanten erwies sich weiterhin als ein lukratives Geschäft -, ersetzte er diesen Wirtschaftszweig zum Teil durch den Export von Edelhölzern.

Mit Hilfe des Edelholzexports konnte Taylor das Waffenembargo der UNO (2002) umgehen. Das gebrauchte Kriegsmaterial stammte größtenteils aus Osteuropa. Bereits in den 80er Jahren galt der Hafen von Monrovia als Umschlagplatz illegaler Güter. Die auf diesem Wege illegal erstandenen Waffen ermöglichten die Austragung des Konflikts in Liberia selbst, wie auch das Schüren der Konflikte in Sierra Leone und der Elfenbeinküste. Erst äußerst spät - im Juli 2003 - wurden Taylor und die verschiedenen Rebellengruppen ihrer legalen Finanzierungs- und Waffenquelle durch das Handelsverbot mit Edelhölzern beraubt. Auch hier zeigt sich die Bedeutung internationaler wirtschaftlicher Interessen: China und Frankreich - beide Hauptabnehmer für Edelhölzer aus Liberia - sind ständige Mitglieder des Sicherheitsrates.

Taylor, der seine "Karriere" als gerissener Warlord begann, mauserte sich zu einem sehr erfolgreichen Geschäftsmann mit Verbindungen zu kriminellen Netzwerken und "eroberte" schließlich das Präsidentenamt auf legalem Wege. Nach Taylors Abgang übernimmt nun sein engster Vertrauter Blah das Regierungsgeschäft und zugleich die Rolle der "Zielscheibe" für die Rebellen. Auch das erneute Eingreifen der ECOWAS-Truppen konnte die Situation nicht verändern. Der Bürgerkrieg wütet weiter und Taylors Drohung bleibt: "Und ich sage, wenn Gott will, werde ich zurückkommen" - die letzten Worte des liberianischen Terminators?

1 Dirk van den Boom, Bürgerkrieg in Liberia. Chronologie - Protagonisten - Prognose, Münster 1993.
2 Adekeye Adebajo, Liberia’s Civil War. Nigeria, ECOMOG and Regional Security in West Africa, London 2002.
3 Marc-Antoine de Montclos, Liberia oder die Ausplünderung eines Landes, in: Francois Jean und Jean-Christophe Rufin (Hg.), Ökonomie der Bürgerkriege, Hamburg 1999.
4 Stephen Ellis, The Mask of Anarchy, London 1999.

(aus: »Blätter« 10/2003, Seite 1242-1244)
Themen: Afrika

top