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Große Köpfe für große Fragen

von Blätter-Redaktion

Allen Markttrends zum Trotz befinden sich die „Blätter“ weiterhin im Aufwind: Mit der Aprilausgabe haben wir erneut unsere Auflage auf nunmehr 9000 Exemplare erhöht – noch vor zwei Jahren lag sie bei 8000. Und auch die Zahl der Abonnements wächst beständig. Inzwischen beziehen mehr als 6700 Leserinnen und Leser Monat für Monat die „Blätter“ – eine Steigerung von über zehn Prozent im Verlauf der letzten fünf Jahre. Damit sind Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von Redaktion und Verlag weiterhin garantiert.

Von besonderer Bedeutung für das Profil der „Blätter“ ist ihr Herausgeberkreis. Mit dieser Ausgabe erweitern wir diesen um sechs renommierte Wissenschaftler und Intellektuelle. Es handelt sich um die erste Erweiterung seit über 13 Jahren. Im Januar 1998 stießen mit Norman Birnbaum, Micha Brumlik, Dan Diner, Jürgen Habermas, Detlef Hensche, Ingeborg Maus und Karen Schönwälder sieben neue Herausgeberinnen und Herausgeber zu dem bestehenden Kreis (zur Geschichte des Kreises vgl. „Blätter“, 12/2006, S 1462 f.).

Leider sind seither mehrere Mitherausgeber verstorben, nämlich Günter Gaus, Jörg Huffschmid, Walter Kreck, Paul Neuhöffer, Helmut Ridder und Marie Veit. Hinzu kommt, dass nun auch Walter Jens und Reinhard Kühnl krankheitsbedingt aus dem Herausgeberkreis ausscheiden müssen. Damit verlieren die „Blätter“ zwei weitere Persönlichkeiten, die das Erscheinungsbild der Zeitschrift in unterschiedlichen Phasen maßgeblich mitgeprägt haben.

Reinhard Kühnl, „Blätter“-Herausgeber seit 1972 und bis ins Jahr 2001 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg, wurde bereits in den 60er und 70er Jahren als Experte für Faschismusforschung national wie international bekannt. Seine Bücher, etwa „Formen bürgerlicher Herrschaft“ und „Faschismustheorien“, erzielten sechsstellige Auflagen und wurden in 14 Sprachen übersetzt. Walter Jens, sowohl als Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen als auch als Schriftsteller und Publizist eine der herausragenden intellektuellen Stimmen der Bundesrepublik, war maßgeblich an der Entwicklung der „Blätter“ nach 1989 – er trat dem Herausgeberkreis im Januar des Jahres bei – beteiligt.

Nach den schmerzlichen Verlusten der letzten Jahre war es unser Anliegen, den Kreis der Herausgeber wiederum angemessen zu ergänzen. Wir sind der Überzeugung, dass uns dies mit den folgenden sechs Persönlichkeiten gelungen ist: Katajun Amirpur, Seyla Benhabib, Peter Bofinger, Ulrich Brand, Saskia Sassen und Hans-Jürgen Urban – ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich stets nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als national wie international politisch engagierte Intellektuelle begreifen. Mit diesem Profil werden sie dem Anspruch der „Blätter“ als politisch-wissenschaftlicher Zeitschrift „für deutsche und internationale Politik“ in hervorragender Weise gerecht.

Damit Sie sich ein genaueres Bild von den sechs neuen „Köpfen“ im Herausgeberkreis machen können, möchten wir Sie Ihnen im Folgenden kurz vorstellen.

Redaktion und Verlag der „Blätter“
Berlin, im April 2011

 
Katajun Amirpur wurde 1971 als Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters in Köln geboren. Nach dem Studium der Islamwissenschaft und Politologie studierte sie anderthalb Jahre lang schiitische Theologie in Teheran. Ihre im Jahr 2000 abgeschlossene Dissertation behandelt „Die Entpolitisierung des Islam. Abdolkarim Soroushs Denken und Wirkung in der Islamischen Republik Iran“. Kürzlich schloss sie ihre Habilitation zur schiitischen Koranexegese mit dem Titel „Volkes Recht und Gottes Macht – Mohammad Mogtahes Šabestaris säkulare Lesart des Islams“an der Universität Bonn ab. Seither ist sie Assistenzprofessorin für Moderne Islamische Welt mit Schwerpunkt Iran an der Universität Zürich.
Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit tritt Katajun Amirpur auch als engagierte politische Publizistin in Erscheinung. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher, unter anderem über die iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi und zuletzt die 2009 im Herder-Verlag erschienene Edition „Unterwegs zu einem anderen Islam: Texte iranischer Denker“. „Blätter“-Leser kennen sie auch durch ihre Texte über die iranische Demokratiebewegung; vgl. etwa „Sprengsatz Philosophie. Die Legitimationskrise der iranischen Theokratie“, in: „Blätter“, 8/2010.

 

Seyla Benhabib wurde 1950 in Istanbul als Tochter sephardischer Eltern geboren. Sie studierte Philosophie an der Brandeis University und der Yale University. 1977 promovierte sie mit einer Arbeit über die Hegelsche Rechtsphilosophie („Natural Right and Hegel: An Essay on Modern Political Philosophy“). 1979 bis 1981 war sie Stipendiatin der Alexander-von-Humboldt-Stiftung am Starnberger Max-Planck-Institut bei Jürgen Habermas. Anschließend lehrte sie unter anderem an der Boston University, der New School for Social Research in New York und an der Harvard University. Heute ist Seyla Benhabib Professorin für Politikwissenschaft und Philosophie an der Yale University in New Haven/Connecticut.
Der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeiten Seyla Benhabibs liegt auf der Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, mit besonderem Fokus auf der Frankfurter Schule sowie auf feministischen und Demokratietheorien. Ihr Werk „Hannah Arendt – Die melancholische Denkerin der Moderne“ (Deutsch 1998) entfachte Diskussionen über eine Neubewertung von Arendts Leben und Werk. Ihre beiden letzten Bücher befassen sich mit Citizenship, Migration und Kosmopolitismus: „Die Rechte der Anderen“ (Suhrkamp 2008) sowie „Kosmopolitismus und Demokratie“ (Campus 2008). Benhabibs Arbeiten wurden in zwölf Sprachen übersetzt, die Universitäten Utrecht und Valencia verliehen ihr die Ehrendoktorwürde. 2009 wurde sie mit dem Ernst-Bloch-Preis ausgezeichnet; vgl. Seyla Benhabib, „Utopie und Anti-Utopie. Das Prinzip Hoffnung im kosmopolitischen Zeitalter“, in: „Blätter“, 12/2009. In der vorliegenden „Blätter“-Ausgabe schreibt sie über die arabische Revolution.

 

Peter Bofinger wurde 1954 in Pforzheim geboren. Er studierte Volkswirtschaft an der Universität Saarbrücken. Seine Doktorarbeit befasste sich mit „Währungswettbewerb. Eine systematische Darstellung und kritische Würdigung von Friedrich August von Hayeks Plänen zu einer grundlegenden Neugestaltung unserer Währungsordnung“. Anschließend arbeitete er in verschiedenen Funktionen für die Landeszentralbank in Baden-Württemberg, bevor er 1990 mit einer Arbeit über „Festkurssysteme und geldpolitische Koordination“ habilitiert wurde. Heute ist Peter Bofinger Professor für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Würzburg. Zudem wurde er 2004 auf Vorschlag der Gewerkschaften Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“). Als solches nimmt er engagiert an den gesellschaftlichen Debatten teil, in jüngster Vergangenheit etwa in der Frage der Euro-Rettung, bei der er für die Einführung von Euro-Bonds plädierte.
Im Mittelpunkt von Bofingers wissenschaftlicher Arbeit stehen die Geld- und Währungs- sowie die Wirtschaftspolitik. Bofinger zählt zu den frühen Befürwortern der europäischen Gemeinschaftswährung Euro. Das Mitglied der Keynes-Gesellschaft plädiert für eine stärker nachfrageorientierte Politik. Zu seinen bekanntesten Publikationen zählen „Wir sind besser als wir glauben – Wohlstand für alle“ (2004) sowie „Ist der Markt noch zu retten? Warum wir jetzt einen starken Staat brauchen“ (2009). Bofinger ist Autor des Lehrbuchs „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten“.

 

Ulrich Brand wurde 1967 auf der Insel Mainau im Bodensee geboren. Nach dem Abitur erwarb er 1989 an der Berufsakademie Ravensburg ein Diplom im Fach Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Tourismus. Anschließend studierte er Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre an der Universität Frankfurt am Main, wo er im Jahr 2000 mit einer Arbeit über „Nichtregierungsorganisationen, Staat und ökologische Krise“ zum Dr. phil. promoviert wurde. 2006 folgte die Habilitation an der Universität Kassel zum Thema „Die politische Form der Globalisierung. Soziale Kräfte und Institutionen im internationalisierten Staat“. Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik an der Universität Wien. Er ist zudem Sprecher der Sektion Politik und Ökonomie der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) und Mitglied der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zu „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“.
Politisch engagiert sich Brand seit langem in der Bundeskoordination Internationalismus (BuKo), der über 120 entwicklungspolitische Gruppen angehören, sowie im Wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland. Brand ist regelmäßiger Teilnehmer des Weltsozialforums. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Ressourcen- und Umweltpolitik sowie Globalisierung und Weltwirtschaft. Zu Beginn dieses Jahres veröffentlichte er im VSA-Verlag „Post-Neoliberalismus? Aktuelle Konflikte und gegenhegemoniale Strategien“; hierin enthalten ist auch sein Aufsatz „Staatseuphorie ohne Strategie. Zur Lage der Linken im Postneoliberalismus“ („Blätter“, 4/2009).

 

Saskia Sassen wurde 1949 in Den Haag geboren, wuchs in Italien und Argentinien auf und studierte vor allem in Frankreich und den Vereinigten Staaten. Der Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt auf den mannigfaltigen Erscheinungsformen und Wirkungsweisen der Globalisierung. Bereits 1974 befasste sie sich in ihrer Dissertation („Non-dominant ethnic populations as a possible component of the U.S. political economy: the case of blacks and Chicanos“) mit transnationaler Migration und ethnischen Minderheiten. Mit „The Mobility of Labor and Capital. A Study in International Investment and Labor Flow“ (1988) und ihrem bahnbrechenden Werk „The Global City: New York, London, Tokyo“ (1991) setzte sie sich an die Spitze der internationalen Stadtsoziologie. Mit „Global City“ beschreibt sie die Herausbildung eines neuartigen, transnationalen Netzwerks von Städten, in denen die für weltweite Konzernstrategien erforderlichen finanz- und unternehmensnahen Dienstleistungen konzentriert und zur globalen Kontrolle eingesetzt werden.
In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat Sassen zudem über die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien im Zeitalter der Globalisierung gearbeitet (vgl. ihren Aufsatz „Die Macht des Digitalen: Ambivalenzen des Internet“, in: „Blätter“, 2/2011). 2007 erschien „A Sociology of Globalization“. In ihrem jüngsten Buch, „Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter“ (Suhrkamp 2008), analysiert sie, wie die Globalisierung das Machtgefüge und die Machtverhältnisse zwischen Nationalstaat und internationalen Konzernen nachhaltig verschoben hat. Sassens Werke wurden in 21 Sprachen übersetzt. Sie lehrt heute als Professorin für Soziologie und Co-Chair des Committee on Global Thought an der Columbia University in New York City.

 

Hans-Jürgen Urban wurde 1961 in Neuwied am Rhein geboren. Er studierte Politikwissenschaften in Bonn, Gießen und Marburg, wo er mit einer Arbeit über „Wettbewerbskorporatismus und soziale Politik. Zur Transformation wohlfahrtsstaatlicher Politikfelder am Beispiel der Gesundheitspolitik“ zum Dr. phil. promoviert wurde. Nach Beendigung seines Studiums 1991 wurde er zunächst hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär der IG Metall bei der Bezirksleitung Frankfurt am Main, ein Jahr später wechselte er zum Vorstand der IG Metall, in die Abteilung Sozialpolitik, die er ab 1999 leitete. Von 2003 an war er Leiter des Funktionsbereichs Gesellschaftspolitik/Grundsatzfragen/Strategische Planung. Seit 2007 ist Urban Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und zuständig für Sozialpolitik, Arbeits- und Gesundheitsschutz.
Urban sieht die Gewerkschaften in der Rolle eines „konstruktiven Veto-Spielers“, der seine Veto-Macht dazu nutzt, die aus dem ungezügelten Kapitalismus der neoliberalen Epoche erwachsenden Fehlentwicklungen zu korrigieren. Zugleich sollen die Gewerkschaften eigene Vorschläge für eine solidarische Gesellschaft entwickeln. Besonders bekannt geworden ist Urbans Plädoyer für eine facettenreiche „Mosaik-Linke“ (vgl. seinen Aufsatz „Die Mosaik-Linke. Vom Aufbruch der Gewerkschaften zur Erneuerung der Bewegung“, in: „Blätter“, 5/2009), das er auf dem Attac-Kongress 2009 vorstellte. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen „ABC zum Neoliberalismus“ (2005), „Handlungsfeld europäische Integration“ (2008) und „Jahrbuch Gute Arbeit“ (2011).

 

(aus: »Blätter« 5/2011, Seite 5-9)

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