Ausgabe September 2015

Die Metamorphose des Liberalismus

Vom Reich des kleineren Übels zur schönen neuen Welt

Wie kann man dem Krieg aller gegen alle entkommen, wenn die Tugend nur eine Maske für Selbstliebe ist, wenn man niemandem trauen und sich nur auf sich selbst verlassen kann? So lautet letztlich die Eingangsfrage der Moderne, jener merkwürdigen Zivilisation, die als erste der Geschichte ihren Fortschritt auf ein systematisches Misstrauen, die Angst vor dem Tod und die Überzeugung von der Unmöglichkeit des Liebens und Gebens gründet. Es ist die Stärke der Liberalen, die einzige mit dieser verzweifelten Anthropologie vereinbare politische Lösung anzubieten. In der Tat unterstellen sie sich dem einzigen Prinzip, das weder lügen noch enttäuschen kann: dem Eigeninteresse des Individuums.[1] Der „natürliche“ Egoismus des Menschen, seit den Moralisten des 17. Jahrhunderts das Kreuz der modernen Philosophien, wird mit dem Triumph des Liberalismus zum Prinzip aller denkbaren Lösungen.[2]

Der Liberale verstand sich also anfangs als einen realistischen und illusionslosen Menschen. Sicher, er konnte zwischen dem Zynismus von Mandeville, der gelassenen Humeschen Skepsis oder der Melancholie Constants schwanken. Aber unabhängig von seinem persönlichen Gleichgewicht bestand er stolz auf seinem Empirismus und seiner Mäßigung.

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In der Dezember-Ausgabe ergründet Thomas Assheuer, was die völkische Rechte mit der Silicon-Valley-Elite verbindet, und erkennt in Ernst Jünger, einem Vordenker des historischen Faschismus, auch einen Stichwortgeber der Cyberlibertären. Ob in den USA, Russland, China oder Europa: Überall bilden Antifeminismus, Queerphobie und die selektive Geburtenförderung wichtige Bausteine faschistischer Biopolitik, argumentiert Christa Wichterich. Friederike Otto wiederum erläutert, warum wir trotz der schwachen Ergebnisse der UN-Klimakonferenz nicht in Ohnmacht verfallen dürfen und die Narrative des fossilistischen Kolonialismus herausfordern müssen. Hannes Einsporn warnt angesichts weltweit hoher Flüchtlingszahlen und immer restriktiverer Migrationspolitiken vor einem Kollaps des globalen Flüchtlingsschutzes. Und die Sozialwissenschaftler Tim Engartner und Daniel von Orloff zeigen mit Blick auf Großbritannien und die Schweiz, wie wir dem Bahndesaster entkommen könnten – nämlich mit einer gemeinwohlorientierten Bürgerbahn. 

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