Ausgabe September 2015

Wider die Instrumentalisierung der Geschichte

Die neue deutsche Erinnerungspolitik seit 1990

Mit großer medialer Resonanz wurden die Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag des Kriegsendes begangen. Sie stehen für einen tiefen Einschnitt in der deutschen Erinnerungskultur: Das Ende der Zeitzeugenschaft rückt immer näher. Eines „natürlichen Todes“ wird die Erinnerung an die nationalsozialistische Terrorherrschaft aber kaum sterben, vielmehr gibt es einen immer freimütiger geäußerten Aufarbeitungsstolz. Doch Aufarbeitung ist alles andere als ein Selbstzweck, spätestens seit Helmut Kohl kann man von einer innen- und außenpolitischen Indienstnahme der Vergangenheit für die Gegenwart sprechen. Heute hat die Instrumentalisierung der Geschichte für aktuelle tagespolitische Zwecke ein alles bestimmendes Ausmaß angenommen, das wie das religiöse Diktat der Kirchen tabuisierend, dogmatisch und einschüchternd wirkt und jeglichen freien politischen Diskurs abzuwürgen droht. Ob man etwa für oder gegen einen härteren Kurs gegen Russland ist, hängt, so wird von beiden Seiten suggeriert, von den richtigen „Lehren der Geschichte“ ab, die natürlich alle Akteure für sich selbst reklamieren.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.

Drei Millionen ohne Abschluss: Was tun?

von Maike Rademaker

Die Zahl war lediglich einen Tag lang einige Schlagzeilen wert: Rund 2,9 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren hierzulande haben keinen Berufsabschluss. Maike Rademaker analysiert Gründe und Lösungsansätze.