Ausgabe August 2016

Voller Hass und ohne Plan: Ein Land im Schockzustand

Am 16. Juni wurde Jo Cox, die junge Labour-Abgeordnete für Batley and Spen, in West Yorkshire auf offener Straße, vor ihrem Wahlkreisbüro, von einem rechtsradikalen Europahasser angegriffen und ermordet. Für einen Moment schien es, als sei nach dem Schock dieses politischen Mordes der sprichwörtliche britische Bürgersinn und Alltagsverstand wiederhergestellt, als würde die aufgeheizte Stimmung in Großbritannien wieder ein wenig abkühlen.

Doch das war ein Irrtum. Der Wahlkampf wurde eineinhalb Tage lang unterbrochen, dann ging er im gleichen Ton weiter, befeuert mit monströsen Lügen und falschen Versprechen, die die Europafeinde ohne Unterlass in die Welt setzten – dank der Unterstützung der Revolverblätter der Medienmoguln mit Rupert Murdoch an der Spitze. Am 23. Juni stimmten dann 55 Prozent der Wähler im Bezirk Kirklees, zu dem Batley and Spen gehört, für den Austritt aus der EU. Die Brexiteers hatten gewonnen – Jo Cox, die vergeblich versucht hatte, den abgehängten Verlierern in den einst stolzen, jetzt verelendeten Industriestädtchen ihres Wahlkreises klarzumachen, wem sie ihr Elend zu verdanken haben und wem nicht, ist umsonst gestorben.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.