Ausgabe Oktober 2018

Das Elend des Wissensprekariats

Bild: AllzweckJack / photocase.com

In einem Café in einer typischen amerikanischen Universitätsstadt bekomme ich zufällig das Gespräch von zwei Mittzwanzigern mit: In gebildeter und selbstkritischer Manier beklagen sie den Zustand des Hochschulwesens, das heutzutage Fleiß und Arbeitsethik nicht mehr zu belohnen scheint. So stoßen sie immer wieder auf dieselbe Frage: Warum vier Jahre lang wie verrückt studieren, einen Studienkredit aufnehmen und anstrengende Nacht- und Wochenendjobs machen, wenn es dann da draußen quasi keine Aussicht auf Arbeit gibt? In den USA und einigen anderen Ländern müssen Studierende für ihre Ausbildung heftige Summen bezahlen – ohne jedoch dafür die hochwertige Bildung zu bekommen, die ihnen versprochen worden ist. Da die meisten Kurse nicht mehr von Professoren gegeben werden, sondern von Doktoranden oder Lehrbeauftragten, fühlen sie sich vom US-Bildungswesen betrogen.

Die Erfahrung dieser Studierenden verweist auf einen zentralen Widerspruch der neoliberalen Ökonomie. Im Zeitalter der Austerität steigern die Unternehmen ihre Gewinne nicht nur in den Wachstums-, sondern auch in den Krisenphasen. Heutzutage gilt das auch für Universitäten: Seit 2001 erlebten die amerikanischen Colleges einen bisher einzigartigen Zuwachs an Immatrikulationen um rund 5,1 Millionen Studierende, ein erheblicher Teil davon entfällt auf die Jahre nach der Finanzkrise von 2008.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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