Ausgabe Juni 1990

Etwas Neues, das in der Bundesrepublik nicht gedacht wird

(Weil man die DDR nicht ernst nimmt)

I

Was von der DDR bleiben wird? Für mich sind die letzten Entscheidungen noch nicht gefallen, die letzten Worte noch nicht gesprochen, die Regeln noch nicht heraus, nach denen es weitergehen wird.

Für mich wird in jedem Fall bleiben: die Geschichte der DDR, die Menschen der DDR. Eine DDR-Identität wird bleiben. Es kann sein, daß die sich in zwei Generationen verliert. Für mich wird auch die Hoffnung bleiben, die Utopie, der Traum von einem besseren Deutschland, der sich ja in dieser Weise nicht erfüllt hat. Bleiben werden, hoffe ich doch, die Leute, die hier herangewachsen sind, mit ihrer Nachdenklichkeit, mit ihrem Anstand, mit ihrer Unfähigkeit, sich völlig der Mode und dem, was so üblich ist, zu fügen.

Was wird noch bleiben? Ein Gefühl von Solidarität wird bleiben. Und es wird eine Polarisierung der Gesellschaft geben. Die schon immer dagegen waren, werden sich jetzt bestätigt fühlen und werden alles wegschmeißen wollen. Aber wissen Sie: Die DDR kann aufgelöst werden, sie ist ja doch in den Menschen drin. Selbst in denen, die das nicht haben wollen.

Einiges hängt davon ab, ob die Linken sich im Kleinkrieg - auch im persönlichen - gegenseitig so paralysieren, daß sie von der Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr ernst genommen werden. Das halte ich für ein Problem.

Juni 1990

Sie haben etwa 44% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 56% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo