Ausgabe Januar 1991

Vom Gewinn der Niederlage

In einem der wenigen erhaltenen Briefe des griechischen Philosophen Epikur schrieb dieser vom Totenbett an einen Freund, ihm ging es bestens, denn "die Schmerzen können nicht mehr schlimmer werden".

Zwar kann in der Politik alles noch schlimmer kommen, aber die epikureische Haltung würde sich doch nützlich auf die Analyse des Wahlergebnisses und der Perspektiven der Opposition auswirken.

Nun wissen wir, woran wir sind; ein Versteckspiel gibt es nicht mehr, sollte es nicht mehr geben. Das Problem steckt nicht in der unionsgeführten und bestätigten Mehrheit im neuen gesamtdeutschen Bundestag; dieses Ergebnis war besser vorhersehbar als je zuvor.

Aber die Tatsache, daß das Resultat so klar scheinen konnte - und doch noch genug böse Überraschungen barg, das bezeichnet die Richtung, wo die tatsächlichen Probleme zu suchen sind.

I

Das fängt mit den Begleitbedingungen dieser zwölften Bundestagswahl an, die eigentlich eine erste hätte sein müssen. Eine historische Wahl war verkündet worden, die erste gesamtdeutsche. Und nach den Gepflogenheiten einer Republik hätte man einen konstitutiven Akt des Neuanfangs erwarten dürfen. Davon ist nichts übriggeblieben. Das CDU-Motto "Weiter so" ist in's Staatswappen Einheitsdeutschlands eingenäht worden. Nadel und Faden fanden sich "gem. Artikel 23 GG".

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die Zukunft des Regierens: Projekte statt Koalitionen?

von Albrecht von Lucke

Eigentlich hätte es ein perfekter Start ins neue Jahr für die Grünen sein können: Mit präsidialer Begleitung und stolz geschwellter Brust feierte die Partei ihren 40. Geburtstag und wurde im Hochgefühl ihrer starken Umfrageergebnisse prompt zur neuen Kanzlerschaftsfavoritin geadelt: „Wer besiegt Robert Habeck?“, fragt scheinbar voller Sorgen „Die Welt“.