Ausgabe Januar 1991

Vom Gewinn der Niederlage

In einem der wenigen erhaltenen Briefe des griechischen Philosophen Epikur schrieb dieser vom Totenbett an einen Freund, ihm ging es bestens, denn "die Schmerzen können nicht mehr schlimmer werden".

Zwar kann in der Politik alles noch schlimmer kommen, aber die epikureische Haltung würde sich doch nützlich auf die Analyse des Wahlergebnisses und der Perspektiven der Opposition auswirken.

Nun wissen wir, woran wir sind; ein Versteckspiel gibt es nicht mehr, sollte es nicht mehr geben. Das Problem steckt nicht in der unionsgeführten und bestätigten Mehrheit im neuen gesamtdeutschen Bundestag; dieses Ergebnis war besser vorhersehbar als je zuvor.

Aber die Tatsache, daß das Resultat so klar scheinen konnte - und doch noch genug böse Überraschungen barg, das bezeichnet die Richtung, wo die tatsächlichen Probleme zu suchen sind.

I

Das fängt mit den Begleitbedingungen dieser zwölften Bundestagswahl an, die eigentlich eine erste hätte sein müssen. Eine historische Wahl war verkündet worden, die erste gesamtdeutsche. Und nach den Gepflogenheiten einer Republik hätte man einen konstitutiven Akt des Neuanfangs erwarten dürfen. Davon ist nichts übriggeblieben. Das CDU-Motto "Weiter so" ist in's Staatswappen Einheitsdeutschlands eingenäht worden. Nadel und Faden fanden sich "gem. Artikel 23 GG".

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.