Ausgabe November 1991

Zu diesem Heft

Hinterher ist man immer klüger. Bei der deutschen Vereinigung ist das nicht so; das Jahr Eins hat dieses Sprichwort offenbar widerlegt. Nicht schlauer sind wir, sondern vieles ist noch ungewisser als zuvor. Für den neudeutschen Politikstil ist das freilich kein Grund, den Mahnern von gestern die Ehre zu erweisen.

Denn was angeblich alternativlos ist, bedarf auch keiner rückblickenden Rechtfertigung. Politik als Schicksal? - Wie auch immer, am Ende des ersten Vereinigungsjahres besteht Anlaß genug, in nüchternen Bilanzen und engagierten Protokollen dem Gedächtnis und der Politik in der vergrößerten Bundesrepublik auf die Sprünge zu helfen. Solchen Rück- und Ausblicken ist das vorliegende Heft gewidmet. Die Beiträge stammen von ostdeutschen Autorinnen und Autoren, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Dieser Akzent ist programmatisch. Zu Worte kommen jene, die in teilnehmender Beobachtung am meisten in den Vereinigungsprozeß involviert sind, denen aber in den westdeutschen Medien allenfalls Gastrechte eingeräumt werden. Ihre Mitarbeit an dem vorliegenden Heft ist uns wichtig - nicht nur als Betroffene, sondern auch als engagierte Mitstreiter für eine nachholende Demokratisierung des weithin administrativen Vereinigungsvorganges - "Vollzug der Einheit" lautet inzwischen das bürokratische Stichwort.

November 1991

Sie haben etwa 32% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 68% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo