Ausgabe Juli 1992

Schaukämpfe

Im neuen dualen System sind die privaten Anbieter von Fernsehprogrammen laut Gesetz verpflichtet, auch bildende und informative Sendungen auszustrahlen, deren Anteil an der Sendezeit festgelegt ist. Dieser Zwang führt dazu, daß solche Programmteile faktisch aus der kommerziellen Logik herausfallen: Sie unterliegen nicht dem Einschaltquoten-Diktat. Theoretisch werden sie auch dann weiterlaufen können, wenn ihnen keiner mehr zuschaut.

Trotzdem erscheint dies wenig anstrebbar. Das nicht geschriebene andere Gesetz, nach dem die Privaten angetreten sind, das der Unterhaltung, erlaubt keine Lücken in der ständigen Reizakkumulation - es könnten Zuschauer, die zum Beispiel bei Alexander Kluges Magazin Zehn vor elf vorübergehend (von RTL plus) zu einem anderen Kanal wechseln, ja nicht mehr zurückschalten. Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma wird unter Fernsehforschern mit einem neuen Schlag-Halbwort bezeichnet: -tainment. Abgeleitet aus dem englischen "entertainment", läßt es sich mit anderen Worten zusammensetzen (infotainment etwa) und bezeichnet den Versuch, der jeweiligen Sendesparte oder -gattung so viel Anteile an Unterhaltung beizumischen, wie es den Machern als nötig erscheint, um das ganze attraktiv zu machen.

Juli 1992

Sie haben etwa 28% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 72% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.