Ausgabe April 2026

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung, der kürzlich die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung auf den Markt gebracht hat, beim Kongress »The Future of German Media« in Hannover, 12.03.2026 (IMAGO / epd)

Bild: Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung, der kürzlich die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung auf den Markt gebracht hat, beim Kongress »The Future of German Media« in Hannover, 12.03.2026 (IMAGO / epd)

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen. Und das liegt nicht unwesentlich an ihrem Verleger Holger Friedrich.

Mit der »Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung« will Holger Friedrich eine vermeintliche Lücke schließen. Sein neues Vorhaben hat er im Januar im Gespräch mit Jakob Augstein vom »Freitag« ausführlich vorgestellt.1 Dabei ging es viel um »ostdeutschen« Trotz, den Trotz des Holger Friedrich. Der als IT-Unternehmer reich gewordene Friedrich hatte 2019 die heruntergewirtschaftete »Berliner Zeitung« gemeinsam mit seiner Frau Silke gekauft. »Punk« sei das, sagte Silke Friedrich damals. Nun, sechs Jahre später, sprach Holger Friedrich über das »Projekt Halle«, seine Pläne, ein »ostdeutsches Leitmedium« zu schaffen.2 Es sollte wieder punkig, verwegen klingen. Während viele Verlage in der Krise sind, hat Holger Friedrich mit dem Berliner Verlag angeblich Gewinn gemacht, den er nun für das »Projekt Halle« ausgeben will. Die Diskussion mit Augstein fand im Theater Ost in Berlin-Adlershof statt, dort, wo früher die »Aktuelle Kamera« des DDR-Fernsehens produziert wurde. Friedrich sagte auf dem Podium: »Und da kommt dann sowas wie Trotz. Mit diesem Hohn, mit diesem Diskursmittel der Diskreditierung, des Markierens, kommt ihr nicht durch. Wenn die [die Westdeutschen, d. Red.] dann so in den Attacke-Modus gehen und einen so in die Ecke stellen wollen, dann geht bei mir jeder sportliche Ehrgeiz los, und dann denke ich: So, okay, dann bin ich jetzt der Ossi, ihr wollt das so, dann werdet ihr sehen, was ihr davon habt.«

Holger Friedrich verpasst kaum eine Gelegenheit, sich als in die Ecke gestellt zu präsentieren. Auf der Homepage des Theaters Ost ließ er Veranstaltungen mit Auszügen aus seinem Wikipedia-Eintrag bewerben, dazu die Fußnote: »Holger Friedrichs Wikipedia-Eintrag enthält verschiedene Falschbehauptungen.« Was genau Wikipedia angeblich falsch verzeichnet hat, blieb indes unklar. 

In der »Jüdischen Allgemeinen« war im Februar in einem Porträt über Holger Friedrich zu lesen: »Dass der ehemalige Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Stasi, der als IT-Unternehmer genau die Millionen verdiente, die ihm nun sein publizistisches Sendungsbewusstsein ermöglichen, im Gespräch mit Augstein jemanden wie Egon Krenz, ehemals Staatsratsvorsitzender der DDR und 1993 wegen ›Totschlags und Mitverantwortung für das Grenzregime‹ rechtskräftig verurteilt, abfeiert, weil dieser im Herbst 1989 nicht auf Demonstranten schießen ließ, passt da gut ins Bild des unangepassten Verlegers.« 3

Die Geschichte mit Friedrich als Stasi-IM schreibt sich rasch dahin. Sie stimmt – und ist doch nur die halbe Wahrheit. Das sagt sogar der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Er untersuchte 2019 gemeinsam mit Marianne Birthler, der früheren Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, die Stasi-Vorwürfe. Im Bericht der beiden4 wird die Darstellung einer erzwungenen Mitarbeit bei der Stasi weitestgehend gestützt, wie die »taz« die sehr ausführliche Expertise von Birthler und Kowalczuk zusammenfasst: »Letztlich enthält der Bericht keine Verdammung des Neuverlegers, aber eben auch keine Absolution.«5 

Mit anderen Worten: Der Fall ist vielschichtig und komplex. Unbestritten ist der Vorwurf, dass Friedrich seine Stasi-Historie 2019 verschwiegen hatte, als er den Berliner Verlag übernahm. »Friedrich wurde zu einem Getriebenen, Protagonist eines Albtraums«, schrieb Jana Hensel 2019 in einem »Zeit«-Porträt über den Verleger.6 Dieser sieht sich zu Unrecht seit Jahren diskreditiert, und der Trotz treibt ihn an. In den Worten des Historikers Kowalczuk hat er die »Berliner Zeitung« nach dem gescheiterten Projekt seiner Vorgänger, aus ihr eine »deutsche Washington Post« zu machen, inzwischen zu einer »Berlinskaja Prawda« umgemodelt. (Die »Prawda« war von 1918 bis 1991 das Zentralorgan der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.) Und nun will er mit seinem »Projekt Halle«, genannt »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« (OAZ), Ostalgie auf dem Medienmarkt umrubeln. Die bundespolitische Berichterstattung für beide Zeitungen hat Florian Warweg übernommen7, der zuvor bei den verschwörungsideologischen »Nachdenkseiten« und noch davor in leitender Stellung beim russischen Propagandasender »RT Deutsch«, ehemals »Russia Today«, beschäftigt war.

Sehnsucht nach Autokraten

In seinem 2024 erschienenen Buch »Freiheitsschock« warnt Kowalczuk vor einer düsteren Aussicht: Eine immer größer werdende Gruppe von Menschen gerade in Ostdeutschland wisse »ihre durchaus nachvollziehbare und zum Teil berechtigte Unzufriedenheit« nicht mehr anders aufzulösen, »als Demokratie und Freiheit zugunsten autoritärer, diktatorischer, antidemokratischer, unfreiheitlicher und schlussendlich antihumaner Staats- und Gesellschaftsvorstellungen zu opfern«.8 Und Holger Friedrich ist dabei mittenmang.

Zum Start der OAZ wollte das Morgenmagazin des ZDF drei Akteure als Auskunftgeber verpflichten: Friedrich, den neuen OAZ-Chefredakteur Dorian Baganz (geboren 1993 in Duisburg) – und Kowalczuk. Letzterer sollte erklären, »ob, und wenn ja, weshalb es im Osten dieses Gefühl gibt, dass der Westen die Medienlandschaft mit einseitigen Informationen prägt«. Empört wies Kowalczuk die Anfrage umgehend zurück: »Selbstverständlich werde ich NICHT in einem Magazinbeitrag dabei sein, in dem gleich der Eigner als auch der Chefredakteur dieses vom Kreml gesteuerten Blatts dabei sind. Ich werde nicht das Feigenblatt spielen. […] Irre, wie der ÖRR diesen Moskauhörigen Platz um Platz gibt.«9

Die Madsack Mediengruppe, die auch vier große ostdeutsche Regionalzeitungen verlegt, lud Friedrich für Anfang März nach Hannover zu einem Kongress »The Future of German Media« ein, auf dem über die »Zukunft von Qualitätsjournalismus« diskutiert werden sollte. Er wurde dort als »Top-Speaker« angekündigt. Gedruckt wird die OAZ in Dresden – ebenfalls bei Madsack. 

Friedrich will mit der OAZ Ostalgie auf dem Medienmarkt umrubeln.

Doch längst nicht alles läuft glatt. Besonders bitter für Friedrich: Chefredakteur Baganz schmeißt Mitte März hin, nur drei Wochen nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe, auf eigenen Wunsch. Zur Begründung nennt er »unterschiedliche Vorstellungen über die inhaltliche Ausrichtung« sowie »Fragen der persönlichen Zusammenarbeit«. OAZ-Geschäftsführer Dirk Jehmlich sagt, eine große Mehrheit der Leserschaft wünsche sich »eine Chefredakteurin oder einen Chefredakteur mit ostdeutscher Biografie«. Ein Vorhaben, mit dem man im ersten Anlauf gescheitert war.10

Mit der Expansion in Ostdeutschland treibt Friedrich voran, was sich nach dem personellen und inhaltlichen Umbau der »Berliner Zeitung« seit Jahren abzeichnet. Als das Ehepaar Friedrich im November 2019 sein Manifest »Was wir wollen« veröffentlichte, hatte das in der Branche noch Rätselraten ausgelöst. Die Friedrichs philosophierten darin über »reaktiven Fortschritt« und »prophetische Rocktexte«, behaupteten, sie wollten als Publizisten das Land weniger »langweilig« machen. Zugleich kritisierten die beiden Deutschlands Haltung zu Wladimir Putin.11 Manchen in der Redaktion klang alles schon damals insgesamt zu sehr nach AfD. Das Konkurrenzblatt »nd« aber schrieb nach der Lektüre des »gefühlt endlosen Textes« des Verlegerpaars damals noch: »Was sie wollen, weiß man nicht.«12

Ein Putin-Biograf als Chef des Debattenressorts

Diese Verwirrung über die künftige Ausrichtung sollte nicht lange währen. Ein paar Schlaglichter: 2022 gab es in der Redaktion eine Kontroverse um Holger Friedrichs Einladung an Viktor Orbán. Gemeinsam mit dem Chefredakteur des rechtskonservativen Magazins »Cicero«, Alexander Marguier, holte er den ungarischen Ministerpräsidenten auf ein Podium im Berliner E-Werk – einen Autokraten also, der prototypisch für die Aushöhlung der Pressefreiheit und anderer Freiheitsrechte steht. Er halte es »nicht für sinnvoll, Viktor Orbán zu Gesprächen einzuladen«, twitterte der damalige Kulturchef der »Berliner Zeitung«, Hanno Hauenstein. Er wurde deshalb degradiert. Hauenstein arbeitet heute als Podcaster – und nicht mehr für die »Berliner Zeitung«.

Seit März 2023 schreibt hingegen der Putin-Biograf Thomas Fasbender regelmäßig für die »Berliner Zeitung«. Er hat zuvor auch schon für »RT Deutsch« und für die rechte Wochenzeitung »Junge Freiheit« gearbeitet. Nun ist er Chef des Debattenressorts für »Berliner Zeitung« und »Ostdeutsche Allgemeine«. In der ersten OAZ-Ausgabe schrieb er, der »linksgrün genannte Teil der Politik und der Medien« wolle die Bewohner Deutschlands »notfalls mit Zwang zu Vegetariern und Klimaschützern« erziehen. Die offen Konservativen seien »dem steten Verdacht ausgesetzt, im Herzen alle Nazis zu sein«. Wenn sich als drittes Lager jetzt Muslime etablierten, dann »dürfte der Kessel nicht mehr viele Jahre halten«.13 

Der Publizist Franz Sommerfeld, der in den 1990er Jahren zeitweilig stellvertretender Chefredakteur der »Berliner Zeitung« war, kommentierte diese Personalie im Juni 2024 auf Facebook: Die unter Friedrich vorangetriebene Ausrichtung des Blatts auf eine wohlwollende Unterstützung russischer Außenpolitik sei nun »weitgehend abgeschlossen«. Fasbender verlege seine Bücher im selben Verlag wie Björn Höcke, beschwöre in einem Videoformat gemeinsam mit der AfD-Politikerin Beatrix von Storch die Freundschaft zu Russland. Fasbender entspreche so »den Erwartungen der russischen Führung, die Rechtsextreme in vielen europäischen Staaten finanziert und mittlerweile in ihnen die wichtigsten westlichen Unterstützer findet«. Sommerfeld bilanzierte: »So öffnet Fasbender die ›Berliner Zeitung‹ nach rechtsaußen.«14

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Verbindung zur Neuen Rechten

Im Oktober 2025 veröffentlichte die »Berliner Zeitung« ein Gespräch mit der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen15, einer Galionsfigur der Neuen Rechten. Die von Dagen initiierte rechte Buchmesse »SeitenWechsel« in Halle stand bevor. Das Interview mit Dagen führte Sophie-Marie Schulz, die neue Politikchefin, die wenige Monate zuvor ihr Volontariat bei der »Berliner Zeitung« abgeschlossen hatte. Schulz hat laut ihrem LinkedIn-Profil vor ihrem Volontariat zwei berufliche Vorerfahrungen: eine zweimonatige Social-Media-Begleitung des sächsischen CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und ein Praktikum beim Medien-Start-up »The Pioneer«. Schulz schrieb im Vorspann des Interviews: »Buchmessen [gemeint sind die in Frankfurt a.M. und Leipzig, d. Red.] waren einmal Orte des Gesprächs, des gedruckten Gedankens.« Waren, wohlgemerkt. »Und wer hat heute noch den Mut zum Widerspruch?« Susanne Dagen wage mit der Messe »SeitenWechsel« »den Schritt von der Kritik zur Tat«, schwärmte die Redakteurin über das Vernetzungstreffen von bürgerlicher Mitte mit extremer Rechter und dessen Initiatorin. Auf der Leipziger Buchmesse im März dieses Jahres war der Ostdeutsche Verlag, in dem die OAZ erscheint, anders als in Halle nicht mit einem Stand vertreten – die Bühne dort galt ihm wohl als »vermint«.

Im November 2025 avancierte Philippe Debionne zum Chefredakteur der »Berliner Zeitung«. Im März stieg er weiter auf als »Vorsitzender der Chefredaktionen« von »Berliner Zeitung« und »Ostdeutscher Allgemeine« , also eine Art Ober-Aufseher bei beiden Blättern. Debionne war zuvor unter anderem Chefredakteur des »Nordkurier« und auch Berlin-Korrespondent der »Schwäbischen Zeitung«16. Die Regionalzeitungen aus Neubrandenburg und Ravensburg sind beide nach rechts abgedriftet. Seine erste Auslandsreise auf dem neuen Posten als Chefredakteur der »Berliner Zeitung« führte Debionne in Begleitung von AfD-Chef Tino Chrupalla nach Peking. 

In Debionnes Reisebericht menschelt es gewaltig. Es geht um den verlorenen Koffer eines Delegationsmitglieds, die »Arbeitswut von Chrupalla« und um selbstgeschmierte Leberwurststullen für die vom Flug ermüdete Reisegesellschaft. Debionne fragt sich im Text, ob Bundeskanzler Friedrich Merz China zu lange vernachlässigt habe. Chrupalla zitiert er mit dem Satz: »In China wird ja auch einfach gemacht und getan statt gejammert und getrödelt.« Debionnes Bilanz: Die AfD sei in Peking »mit offenen Armen empfangen« worden.17

Eine breitere Bühne, um kritiklos sein völkisches Weltbild zu verbreiten, wurde Kubitschek bislang nirgends geboten.

In diesem Stil geht es ungebremst weiter: Die »Berliner Zeitung« führt Ende Februar dieses Jahres ein Interview mit dem neurechten Vordenker Götz Kubitschek. Es erscheint auf einer Doppelseite und trägt die Überschrift »Man muss das Grundgesetz wieder geradebiegen«. In der Unterzeile fragt das Blatt: »Ist er zu gefährlich für ein Zeitungsinterview?«18 

Die Antwort ergibt sich aus den sanften, gefälligen Fragen an Kubitschek: Kein Rechtsextremist ist dieser Zeitung zu gefährlich. Vielmehr kann dieser unhinterfragt sein völkisches Konzept des Deutschseins ausbreiten und gegen jene wettern, »die von sich selbst keine Idee mehr haben«: »Normal ist, dass es in einer Nation Linke und Rechte gibt und dass jene Kräfte stärker sind, die etwas von dieser Nation halten, von diesem Volk […].« Der heutige Staat sei »gegen das eigene Volk ausgerichtet«. Daher wolle er »zurück zur Staatspolitik. […] Und jetzt zücke ich die Karte Volk: So etwas ist nur mit relativer Homogenität zu haben. Das Staatsvolk darf kein bunter Verein sein.« Die »Berliner Zeitung« fragt höflich nach: »Wie hoch sollte der Anteil der autochthonen Bevölkerung Ihrer Meinung nach sein?«, um zum Ende des Gesprächs, als Kubitschek von »Überfremdung« und »Dekadenz« spricht, ernsthaft zu fragen: »Deutschland kollabiert also absehbar?« Eine breitere Bühne, um kritiklos ein völkisches Weltbild zu verbreiten, wurde Kubitschek bislang nirgends geboten.

»100 Minuten Selbstverharmlosung«

Die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« befragt derweil in ihrer zweiten Druckausgabe den Schriftsteller Uwe Tellkamp, der schon seit Jahren alle Türen nach rechts aufreißt und nun verkündet, dass ihm das Etikett »konservativ« nicht mehr passe. Die CDU biedere sich dem Zeitgeist an, sagt Tellkamp dort. Und fährt fort: »Die Schleimspur, auf der sogenannte Haltungsjournalisten unserer Demokratie hinterherrutschen, ist unerträglich breit. Gottseidank gibt es die alternativen Medien.« Kurioserweise erscheint in derselben OAZ-Ausgabe ein Gastbeitrag der früheren Grünen-Politikerin Antje Hermenau unter der Überschrift »Wer ›unsere Demokratie‹ sagt, ist kein Demokrat«. 

Kurz vor dem Kubitschek-Interview erschien die »Berliner Zeitung« auf dem Titel ihrer Wochenendausgabe mit einem umgestalteten DDR-Wappen: Im Ährenkranz prangten nun statt Hammer und Zirkel ein Mikrofon, ein Handy und ein Kugelschreiber. Darüber stand, auf heute gemünzt wohlgemerkt, die Zeile »Deutsche Undemokratische Republik«. Im Text dazu hieß es: »Immer mehr Politiker wollen freie Medien einschränken. Doch Zensur ist die wahre Gefahr für die Demokratie.« Die »Berliner Zeitung« schrieb so das Märchen fort, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) habe eine Zensur des rechten Krawallportals »Nius« gefordert. In den Sozialen Medien kommentierte Alexander Teske, ehemaliger MDR-Redakteur aus Leipzig und Autor des Buches »Inside Tagesschau«, folgendermaßen: Ihn wundere die Erregung über das Titelblatt der »Berliner Zeitung«. Man solle dem Produkt »Ostdeutsche Allgemeine« nicht »eine Nähe zu einer politischen Richtung andichten und es in die Ecke stellen«. Wenn in Berichten über Holger Friedrich Vokabeln wie »kremlfreundlich« oder »Faszination für Autokraten« auftauchten, erfolge das faktenfrei, »alles Raunen oder namenlose Quellen«.19 

Im Januar – noch vor dem Start der gedruckten Ausgabe – war Teske bei der Aufzeichnung einer Podcast-Folge für die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« mit von der Partie. Für das Podcast- Format »Sachlich richtig« holten er und zwei weitere Kritiker der Öffentlich-Rechtlichen eine ehemalige Moderatorin von Russlands Propagandakanal »RT Deutsch« zu sich. Titel der Sendung: »Die Welt der Jasmin Kosubek«. Kosubek hatte kurz zuvor auf ihrem YouTube-Kanal Kubitschek befragt: »Gibt es rechtsextreme Gewalt?« Kubitschek antwortete: »Ich kenne sie nicht.« Das sei keine Wissenslücke, hieß es dazu im Newsletter »Wie Rechte reden«, Kubitschek entwerfe so eine Gegenwelt. Kosubek habe dem Rechtsextremisten mit dem Interview den Raum geboten für »100 Minuten Selbstverharmlosung«.20 Holger Friedrich bringt so die extreme Rechte mit Moskau-Fanatikern zusammen.

Jana Hensel und ihr »Plasteeierbecherosten« 

Vor ein paar Wochen ist das Buch »Es war einmal ein Land« von Jana Hensel erschienen. Ähnlich wie Kowalczuk beschäftigt sich die Autorin mit der Stimmung in Ostdeutschland. Hensel wirkt in dem Buch resigniert. Der hierarchische Blick auf den Osten – in den Medien und auch überall sonst – werde sich »nie grundlegend verändern«, schreibt sie. Die im Osten kurze Ära der Demokratie gehe nicht nur dort zu Ende, doch »radikaler, als wir uns das vorstellen mochten. […] Und sie tut es gleichzeitig direkt vor unserer Haustür und wie eigentlich das meiste, das im Osten passiert, dennoch in einem toten Winkel.« Es gebe ja wirklich einen »schiefen Blick der Medien auf Ostdeutschland«.21

Kowalczuk zerreißt Hensels neues Buch: Es tue nichts weiter, »als a- und unhistorisch die AfD zu entideologisieren, ihres rassistischen und faschistischen Gehalts zu berauben und die ostdeutschen Wähler:innen als besonders demokratie- und liberalaffin hinzustellen«, so Kowalczuk. Und weiter: »Hensel macht sich nicht gemein mit der AfD, sie plappert einfach etwas daher, um ihren Plasteeierbecherosten ihrer Zonenkinder als Normalität retten zu können.«22 

Holger Friedrich bringt die extreme Rechte mit Moskau-Fanatikern zusammen.

Interessant ist an Hensels Buch das Kapitel »Die Abgedrifteten«, für das sie zwei Protagonisten ausgewählt hat, die wie sie aus Sachsen stammen: Antje Hermenau und Alexander Teske, beide inzwischen für die OAZ im Einsatz. Hensel entschuldigt sich, dass es »nicht besonders gut klingt, wenn man Menschen als Abgedriftete bezeichnet«. Dann nimmt sie ihre Leser mit auf Teskes Weg, trifft ihn im (linken) Hamburger Schanzenviertel, der temporären Heimat des Journalisten. Hensel berichtet: Das Buch von Teske habe zunächst keiner drucken wollen, bis sich ein rechter Verlag gefunden habe. In dessen Programm stehe Teske nun an der Seite von »Wütenden, Warnern und Spaltungsunternehmern« wie Julia Ruhs, Thilo Sarrazin und Werner Patzelt, denen die »Berliner Zeitung« auch immer wieder ein Podium gebe. Teske sagt im Gespräch mit Hensel: »Ich muss jeden Tag neu mit mir selbst verhandeln, mit wem ich rede und welchen Umarmungsversuch ich annehme. […] Mir sind viele der Leute, die mich da gerade kontaktieren, fremd.« Hensel meint, Teskes Buch »Inside Tagesschau« lese sich »wie die Klageschrift eines Ostdeutschen, der in die weite Welt gezogen ist und dabei irgendwas verloren hat. Seinen Kompass, seine Mitte, seine Heimat? Sich selbst?« Der Journalist liefere den Rechtspopulisten »wie eine Art Kronzeuge viele Argumente«. Warum, fragt sich Hensel, musste Teske den ostdeutschen Diskurs nach rechts tragen? Ihrer Meinung nach gehöre er da nicht hin, aber vielleicht habe er in einer letzten, unausweichlichen Konsequenz doch dort enden müssen, »weil heutzutage viele Wege wie unweigerlich nach rechts zu führen scheinen«.23 

Unweigerlich? Darüber ließe sich streiten. Aber so ist es nun: Teske ist angekommen. Nicht in Hamburg, sondern bei Holger Friedrich. Der gibt Menschen wie Warweg, Fasbender, Schulz, Debionne und ihm das Gefühl, Helden zu sein. Der Karikaturist OL Schwarzbach derweil, eine Instanz bei der »Berliner Zeitung« wie Klaus Stuttmann beim »Tagesspiegel«, wurde kurz vor Weihnachten 2025 von Friedrich gefeuert, nach 29 Jahren. »Verlagsinterne Umstrukturierungsmaßnahmen«, hieß es zur Begründung. OL Schwarzbach schreibt mir: »Die Frau sagt, meine Laune sei seitdem besser. Ich sage immer: Im Osten habe ich nicht für die Stasi gearbeitet, im Westen für Holger Friedrich.«

Keine Frage der Herkunft

Als die erste Ausgabe der »Ostdeutschen Allgemeinen« erschien, wurde sie begleitet von einem gewaltigen Medienrummel24 und allerlei Bluffs. Aus den angekündigten Regionalausgaben mit eigenen Redaktionen für die 14 ehemaligen Bezirkshauptstädte der DDR von Suhl bis Rostock wurde nichts. Und der von Friedrich angekündigte vierwöchige Vor-Ort-Einsatz in Chemnitz zum Start des neuen Blatts? Nun, Friedrich mietete tatsächlich für ein paar Tage ein Hotelzimmer in Chemnitz an, im Frühstücksraum ließ er sich dort mit seinem Laptop fürs ZDF-Morgenmagazin filmen. 

Die neue Zeitung wolle »wahrhaftig über Tatsachen berichten«, heißt es vom Berliner Verlag, Friedrich spricht von »Demokratie at its best«.25 Die erste Ausgabe erschien mit der Überschrift »Vorsicht, Freiheit« auf der Titelseite. Der vom Blatt angekündigte »klare Kurs« sah so aus: Ein Interview mit Sachsens CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer unter der Überschrift »Man wird Russland nicht auf dem Schlachtfeld besiegen können«. Ein Interview mit einem wegen Kreml-Propaganda von der EU sanktionierten Geheimdienstmitarbeiter aus der Schweiz mit der Überschrift: »Ich habe Glück gehabt, dass ich nicht eliminiert wurde«. Ein Interview mit dem bulgarischen Ex-Präsidenten Rumen Radew mit der Überschrift: »Wir müssen mit Russland reden«. Wer es danach immer noch nicht verstanden hat, kann in einer Analyse zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj lesen, dieser agiere »wirklichkeitsfremd«. 

Der Gastbeitrag von Christian Baron, einem Schriftsteller aus Kaiserslautern, erscheint unter der Überschrift »Warum ich kein Wessi mehr sein will«. Als Arbeiterkind habe der Kolumnist die BRD »als sozial kalt« erlebt und »die DDR in zentralen Fragen als sozial gerechter«, meint der Autor, der beim Mauerfall vier Jahre alt war. Außerdem würde eine von Russland ausgehende Gefahr »herbeifantasiert«. 

Das Motto der OAZ lautet: »Ostdeutsch ist keine Frage der Herkunft«. Chefredakteur Baganz konnte oder wollte sich davon nichts mehr kaufen, wie sein Rückzug dokumentiert. Andere setzen die Mission fort. Hinter Holger Friedrichs »Vorsicht, Freiheit« verbirgt sich nur schlecht verborgen die Forderung: Freiheit für Demokratiefeinde. Da wiederum ist Vorsicht geboten.

1 Perspektivwechsel am Theater Ost: Holger Friedrich empfängt den Verleger Jakob Augstein, youtube.com, 22.1.2026.

2 Matthias Meisner, Ostidentitäre Bewegung im Medienmarkt, journalist.de, 16.2.2026.

3 Ralf Balke, Holger Friedrich, die Juden und ihre offenen Rechnungen nach dem Fall der Mauer, juedische-allgemeine.de, 8.2.2026.

4 Robert-Havemann-Gesellschaft, Expertise der ehemaligen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Marianne Birthler und des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk zur Stasi-Vergangenheit des Berliner Verlegers Holger Friedrich, havemann-gesellschaft.de, 10.12.2019.

5 Daniél Kretschmar, Kein abschließendes Urteil, taz.de, 12.12.2019.

6 Jana Hensel, Ostdeutscher Albtraum, in: »Die Zeit«, 52/2019.

7 Vgl. Matthias Meisner, Holger Friedrichs Jungpionier, taz.de, 9.2.2026.

8 Ilko-Sascha Kowalczuk, Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute, München 2024, S. 19.

9 Dem Autor vorliegende E-Mail von Kowalczuk an das ZDF.

10 Vgl. Matthias Meisner, Ostdeutsche Allgemeine Zeitung. Chefredakteur sucht das Weite, taz.de, 13.3.2026.

11 Silke und Holger Friedrich, Was wir wollen, berliner-zeitung.de, 8.11.2019.

12 Johanna Treblin, Was sie wollen, weiß man nicht, nd-aktuell.de, 14.11.2019.

13 Thomas Fasbender, Meinungsfreiheit in Gefahr: Warum die Deutschen trotz Grundgesetz verstummen, ostdeutscheallgemeine.com, 18.2.2026.

14 Franz Sommerfeld, Posting auf facebook.com, 2.6.2024.

15 Sophie-Marie Schulz, »Mauern müssen fallen«. Susanne Dagen über Debattenkultur und ihre Buchmesse »SeitenWechsel«, berliner-zeitung.de, 17.10.2025.

16 Vgl. Nicholas Potter, Rechtsruck in Ravensburg, taz.de, 24.8.2024.

17 Philippe Debionne, AfD im Reich der Mitte, berliner-zeitung.de, 11.1.2026.

18 Sophie-Marie Schulz und Moritz Eichhorn, Götz Kubitschek im Interview: »Man muss das Grundgesetz wieder geradebiegen«, in: »Berliner Zeitung«, 28.2.2026.

19 Alexander Teske, Posting auf X, 10.2.2026.

20 Götz Kubitschek im Interview: 100 Minuten Selbstverharmlosung, steady.page/de/wie-rechte-reden, 31.1.2026.

21 Jana Hensel, Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet, Berlin 2026, S. 9 und 164.

22 E-Mail von Kowalczuk an den Autor.

23 Hensel, Es war einmal ein Land, a.a.O., S. 155 bis 171.

24 Volker Lilienthal, Und das soll eine neue Stimme des Ostens sein?, t-online.de, 21.2.2026.

25 Philippe Debionne und Moritz Eichhorn, Glückwunsch zur OAZ: Das erste ostdeutsche Medium für ganz Deutschland, berliner-zeitung.de, 19.2.2026; Silke Friedrich und Holger Friedrich, Silke und Holger Friedrich über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung«, berliner-zeitung.de, 19.2.2026.

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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