Ausgabe Juni 1992

Die Lähmung vor dem neuen Unrecht

Ist Unrecht, das Mitverantwortlichen alten Unrechts geschieht, darum kein neues Unrecht? Genügt es in der größeren Bundesrepublik, als heimlichen Zuträger des DDR-Staatsapparats zu verdächtigen, wen man durch öffentliche Vorverurteilung ausschalten will? Was ist das für ein Triumph der Erfolgreichen, der an der Lebensarbeit der Unterlegenen kein gutes Haar läßt? Da stürzen sich die einen Deutschen auf die Vergangenheit der anderen, als könnten sie ihre eigene unerledigte Geschichte damit endgültig loswerden. Solange ich dazu schweige, werde ich mitverantwortlich für diesen Prozeß. Auf meinem Schreibtisch sammeln sich Zeugnisse neuer Ungerechtigkeit.

Das Telefon verlangt, ich müsse etwas tun, mehr als ich kann. Auf meinen Fahrten in die für mich nicht neuen Bundesländer bleibe ich oft stecken in Schleifspuren morastiger Aufrechnerei. Was an Freiheit hinzugewonnen wurde, ist für viele schon wieder verstellt, weil alte Rechnungen auf neuen Konten beglichen werden. Wo ist das Wort von den Brüdern und Schwestern geblieben? Es ist, als wäre es unter der einstürzenden Grenze begraben. In dem notwendigen Verlangen, mit dem alten Unrecht aufzuräumen, stürzt Rechthaberei weit übers Ziel hinaus.

Juni 1992

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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