Ausgabe November 1992

Das deutsche Volk und seine Feinde

Seit vielen Monaten kreist das Sinnen und Trachten der Politiker, das Räsonnieren der Medien und das Grollen der Bürger um die Frage, wie man sich hierzulande der Asylbewerber erwehren kann. Statt sich der Vielzahl anderer Probleme zuzuwenden, basteln alle an dem Eindruck, als sei keines davon noch lösbar, bevor nicht dem angeblichen Mißbrauch des Asylrechts ein Ende bereitet worden wäre. Kritische Kommentare wittern ein Ablenkungsmanöver: Die ins Land drängenden Ausländer würden - wie weiland die Juden - zu Sündenböcken gestempelt, um vom Versagen der Politik abzulenken.

So griffig ein solcher Verdacht auch sein mag, er verkürzt unzulässig, wenn er die Ursache allein im taktischen Kalkül der Herrschenden lokalisiert. Die Situation hat komplexere Ursachen. Das schließt selbstverständlich nicht aus, daß herrschende oder zur Herrschaft strebende Kräfte dabei mitzumischen und daraus ihren Vorteil zu ziehen versuchen.

Allerdings besteht schon ein Zusammenhang zwischen den inneren Zuständen einer Gesellschaft und dem Ausmalen eines Feindbildes, das als Bedrohung dieser inneren Zustände erscheint. Das Feindbild festigt den Zusammenhalt einer Gesellschaft. In dieser integrativen Wirkung liegt letztlich auch der positive Effekt begründet, den Feindbilder für Herrschaftsverhältnisse haben.

November 1992

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe November 2020

In der November-Ausgabe analysieren die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, wie eine Politik der Feindschaft zunehmend die US-amerikanische Demokratie zersetzt. Der Journalist George Packer sieht – mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahl am 3. November – eine letzte Chance, Amerika neu zu erschaffen. Der Ökonom James K. Galbraith plädiert in Zeiten der Krise für eine Rückbesinnung auf den Rooseveltschen New Deal. „Blätter“-Redakteur Daniel Leisegang warnt vor einem digitalen Kalten Krieg zwischen den USA und China. Und die Politikwissenschaftlerin Melanie Müller beleuchtet den doppelten Kampf Südafrikas gegen Corona und Korruption.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Ein Jahr der Erkenntnisse

von Blätter-Redaktion

Für den deutschen Journalismus war 2019 ein annus horribilis. Zunächst bescherte die Affäre um den ehemaligen „Spiegel“-Reporter Claas Relotius den Medien einen weiteren erheblichen Glaubwürdigkeitsverlust.