Ausgabe Januar 1993

Ungarn - mit dem Blick von 1993

Versuch einer Annäherung an den Systemwechsel

Eine wissenschaftliche Analyse der Wandlungsprozesse in den ehemals realsozialistischen Ländern wird oft dadurch erschwert, daß damalige Sichten als Kombattant in den politischen Auseinandersetzungen auf die Untersuchung übertragen, alte Denkschemata und Mythen durch neue ersetzt bzw. gegenwärtige Parteienkämpfe im Gewand der Beschäftigung mit der Vergangenheit ausgetragen werden oder aber ein Ex-post-Blickwinkel gewählt wird, als wäre für jeden von Anfang an sichtbar gewesen, wie der Ost-West-Konflikt ausgeht.

Nachdem der Realsozialismus bzw. der Marxismus-Leninismus als geschichtsmächtige Kraft verschwunden ist, fällt derlei natürlich besonders leicht. Eine eigentümliche Variante ist, die frühere Charakterisierung Ungarns unter Kadar als "lustigste Baracke im Lager" des Sozialismus nunmehr der westlichen Politikwissenschaft als Versäumnis der systemimmanenten Forschungsstrategie vorzuhalten, statt die Hintergründe in den tatsächlichen damaligen Verhältnissen zu sehen. Die Gesellschaften in den Ländern Osteuropas hatten untereinander eine beachtliche Variationsbreite, schon von den Konstituierungsbedingungen des Realsozialismus her, dann in der sozialistischen Entwicklung selbst und schließlich im Verlauf sowie in den Ergebnissen des Systemwechsels.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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