Ausgabe Juni 1993

Souverän als offene Republik

Ein Kernproblem der Neubegründung der Bundesrepublik liegt in der Entwicklung der nationalstaatlichen Einheit und Einigung im internationalen System. Karl D. Bredthauer fürchtet, daß dieser Prozeß auf eine "schiefe Ebene" geraten könnte. M.E. kennzeichnet dieses Bild zutreffend die grundsätzlich in jedem Nationalstaat angelegte Eigendynamik, d.h. die Gefahr, daß Patriotismus und nationale Identität besonders in wirtschaftlich schlechten Zeiten einer Neigung ins Extreme und Irrationale folgen. Die politikwissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet (Karl W. Deutsch, Ernest Gellner, Anthony Giddens u.a.) hat aufgezeigt, daß Nationalstaaten immer wieder ein Muster von Normen, Maximen und Prinzipien des politischen Handelns und Verhaltens hervorbringen, das sich in Krisen als konfliktträchtig erweist.

Die westeuropäische Integration nach dem Zweiten Weltkrieg war daher in erster Linie darauf gerichtet, die verfeindeten Nationalstaaten durch Vergemeinschaftung zu bändigen und den Deutschen sowohl Souveränität als auch Nationalstaatlichkeit vorzuenthalten. Über 40 Jahre lang bildete sich die Bundesrepublik trotz oder gerade wegen dieser Beschränkung in einer "Kultur der Zurückhaltung" zum einflußreichen integrierten Handelsstaat aus.

Juni 1993

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