Ausgabe März 1994

Rabe und Kanari

Die Intellektuellen vor der nationalen Frage

Olivetti-Chef Carlo De Benedetti hatte recht. Als die italienischen Medien kurz nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten noch voll waren von Schreckensvisionen eines Vierten Reichs, einer neuen kontinentaleuropäischen Supermacht, womit sie die Lust am Schauder und die tiefsitzende Skepsis ihrer Leser gegenüber Deutschland bedienten (Italien war - erstaunlicherweise neben Dänemark das einzige Land der EG, in dem eine Mehrheit der Bevölkerung die Wiedervereinigung für sich eher negativ als positiv einschätzte), da hatte er zur Ruhe gemahnt. Mit der Wirtschaft der ehemaligen DDR lade sich die Bundesrepublik, die ohnehin schon mit einer gewissen strukturellen Modernisierungsschwäche *) zu kämpfen habe, noch mehr Probleme einer überalterten Ökonomie auf.

Und das werde einerseits die notwendige Modernisierung verlangsamen, andererseits aber biete dies jenen Ländern, die ihre Wirtschaften entschlossen modernisierten, auf längere Sicht neue Expansionsräume. Sieht man sich die Bundesrepublik heute an, kann man nur den Hut ziehen: gut getroffen.

März 1994

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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