Ausgabe November 1994

Kerne und Kerneskerne:

Globale Umweltpolitik im Schatten des Entwicklungsdenkens

Wie in Papiertunneln fühlte man sich bis vor kurzem in den Gängen der U-Bahn in Tokio. Über und über waren da die Wände mit großflächigen Werbeplakaten zugepflastert, Woche für Woche eine andere Schicht von Bildern und Botschaften. Den Holzmangel Japans vor Augen, beschlossen die Stadtväter, dieser Papierverschwendung ein Ende zu setzen: Im Namen des Umweltschutzes wurden überall auf Bahnsteigen und in Waggons Bildschirmgeräte aufgehängt, die jetzt das Publikum ohne Unterlaß mit Werbebotschaften bombardieren. Papier gespart – Problem gelöst?

Die Anekdote illustriert ganz hübsch jene Art von Umweltengagement, die wohl den meisten Delegierten für die Konferenz der Vereinten Nationen zu Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro insgeheim vorschwebte. Um das Ergebnis von UNCED auf eine Formel zu bringen: die Regierungen der Welt haben sich zwar aufgerafft, die Krise der Umwelt anzuerkennen, aber gleichzeitig darauf bestanden, Entwicklung weiterzutreiben. Die meisten Kontroversen hatten ja damit zu tun, daß irgendjemand glaubte, auf sein „Recht auf Entwicklung" pochen zu müssen: Malaysias Widerstand gegen die Walderklärung oder Saudiarabiens Versuch, die Klimakonvention zu sabotieren, schlugen da diesselbe Taste an wie die schneidende Erklärung von Präsident Bush, daß der Lebensstil der USA nicht zur Diskussion stünde.

November 1994

Sie haben etwa 35% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 65% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo