Ausgabe November 1994

Kerne und Kerneskerne:

Eurasismus - eine Integrationsideologie für Rußland?

In Rußland kann man nicht von einem „Tod der Ideologien" sprechen – obgleich nach dem Zusammenbruch der UdSSR und dem Gesichtsverlust des Marxismus- Leninismus zunächst ein geistiges Vakuum zu entstehen schien, in das jetzt aber neue Ideenkonstrukte drängen. Unter diesen scheint der Eurasismus, eine in den 20er Jahren entwickelte und der Geopolitik verwandte Lehre, erhebliches Potential zu besitzen, eine neue übergreifende Orientierungs-Ideologie für Rußland zu werden.

Die Renaissance des Eurasismus seit Anfang der 90er Jahre ist eines der merkwürdigsten Phänomene der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Diskussion in Rußland. Neben der Zeitschrift „Elementy", die sich auf dieses Thema spezialisiert hat, haben auch die anderen „dicken Zeitschriften" (wie die literarischpolitischen Periodika genannt werden) den Eurasismus entdeckt1). Den Trendwechsel in der russischen Intelligenz drückt wohl am deutlichsten der bekannte Filmregisseur Nikita Michalkow aus, der im Frühjahr in einem Interview für den „Spiegel" erklärte, Rußland könne auf keinen Fall den westlichen Weg beschreiten: „Wir haben unsere eigenen historischen und kulturellen Traditionen (...) Wir können nur auf einer geistigen Gemeinschaft aufbauen. Es ist unmöglich, Rußland auf sogenannten allgemeinmenschlichen Werten zu begründen.

November 1994

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