Ausgabe April 1995

Politik ohne Eigenschaften

Das Ergebnis des vielbeschworenen "Superwahljahrs" 1994 ist von nachhaltiger Banalität, desgleichen der frühjährliche hessische Nachschlag. Alles bleibt, ein wenig oszillierend, wie es war. Das aber ist das Schreckliche. Diese allgemeine Angst vor Experimenten, in den Wahlresultaten erkenntlich, beweist, trotz oder gerade wegen der Zeiten ungeheuren Bruchs, eine fragwürdige Kontinuität. Fast wie zu Adenauers Zeiten lautet die Erfolgsformel: "Keine Experimente!" Deswegen hat man bundesdeutsch nach 1949 die Demokratie und ihre demokratisierenden - Voraussetzungen nicht allzu sehr bemüht.

Deswegen versuchte man, die Tür zur Nachkriegszeit so rasch wie möglich zuzuschlagen. 1989/90 ist dies dann vermeintlich endlich gelungen. Das Schreckliche an der Scheu, Neues zu wagen, ist die Kontinuität der Situationsverfehlung. Politik nun, durch das "Volksvotum" erneut bestätigt, ein Palladium der Einfallslosigkeit.

Die Mitte als Magnet

Den Zyklen der rasch veränderlichen und doch so gleichbleibenden Winter- und Frühjahrsmode gemäß, ist das Wort von der "Politikverdrossenheit" verschwunden. Die gefürchteten Republikaner haben selbst in Bayern bewiesen, daß sie nur die Schaumkrone der politischen Normalität darstellen.

April 1995

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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