Ausgabe April 1995

Politik ohne Eigenschaften

Das Ergebnis des vielbeschworenen "Superwahljahrs" 1994 ist von nachhaltiger Banalität, desgleichen der frühjährliche hessische Nachschlag. Alles bleibt, ein wenig oszillierend, wie es war. Das aber ist das Schreckliche. Diese allgemeine Angst vor Experimenten, in den Wahlresultaten erkenntlich, beweist, trotz oder gerade wegen der Zeiten ungeheuren Bruchs, eine fragwürdige Kontinuität. Fast wie zu Adenauers Zeiten lautet die Erfolgsformel: "Keine Experimente!" Deswegen hat man bundesdeutsch nach 1949 die Demokratie und ihre demokratisierenden - Voraussetzungen nicht allzu sehr bemüht.

Deswegen versuchte man, die Tür zur Nachkriegszeit so rasch wie möglich zuzuschlagen. 1989/90 ist dies dann vermeintlich endlich gelungen. Das Schreckliche an der Scheu, Neues zu wagen, ist die Kontinuität der Situationsverfehlung. Politik nun, durch das "Volksvotum" erneut bestätigt, ein Palladium der Einfallslosigkeit.

Die Mitte als Magnet

Den Zyklen der rasch veränderlichen und doch so gleichbleibenden Winter- und Frühjahrsmode gemäß, ist das Wort von der "Politikverdrossenheit" verschwunden. Die gefürchteten Republikaner haben selbst in Bayern bewiesen, daß sie nur die Schaumkrone der politischen Normalität darstellen.

April 1995

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Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

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