Ausgabe April 1995

Vereinigungskitsch

Das Versprechen, Margarete von Trottas neuer Film, der die diesjährigen Filmfestspiele in Berlin eröffnen durfte, ist ein Melodram, die Geschichte einer Liebe also, die sich nicht entfalten kann. Sophie und Konrad wollen in den Westen fliehen, sie kommt wohlbehalten an, er verpaßt den Einstieg in die Kanalisation, weil er über einen aufgegangenen Schnürsenkel stolpert und weil dann zufällig ein Polizeiauto vorbeikommt. Nach und nach wird aus dem Zufall Bestimmung, denn spätere Chancen, in den Westen zu kommen, nutzt er nicht. Immer kommt etwas dazwischen, hauptsächlich seine (angesichts seiner versuchten "Republikflucht" wahrlich wundersame) Karriere. Nach dem Dienst in der Armee, wo er an der Mauer eingesetzt wird, darf er studieren, wird anerkannter Astrophysiker und Reisekader. Das ermöglicht gelegentliche Treffen mit Sophie, ein Sohn wird geboren.

Aber Konrad ("Ich hänge nun mal an unserem Scheiß-Staat") arrangiert sich im Sozialismus, heiratet eine andere und läßt sich von der Stasi erpressen. Im Schlußbild, vor dem Hintergrund einer stattlichen Ansammlung von Statisten und Trabis auf der Bornholmer Brücke, treffen sich im Freudentaumel der Großen Vereinigung des 9. November 1989 die Liebenden wieder, und ein langer Blick bleibt stehen.

April 1995

Sie haben etwa 31% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 69% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.