Ausgabe Februar 1995

Warum der Westen scheiterte

Eckdaten des jugoslawischen Auflösungskrieges

Nach 1918 wurde aus Sarajewo die Lehre gezogen, daß es gefährlich ist, wenn die Großmächte ihr Schicksal mit dem Verhalten von Hitzköpfen auf dem Balkan verbinden und dann diplomatische Versöhnungsbemühungen durchkreuzen, indem sie sklavisch der Logik der militärischen Mobilisierung folgen. Aus dem Sarajevo von heute sollte die entgegengesetzte Lehre gezogen werden: Die Großmächte waren so sehr darauf bedacht, sich aus den Ereignissen auf dem Balkan herauszuhalten, daß sie sich erst engagierten, als es zu spät war, und dann waren sie derart entschlossen, eine nennenswerte militärische Mobilisierung zu vermeiden, daß sie der Diplomatie den Rückgriff auf militärische Gewalt versagten. Die internationalen Bemühungen, das Auseinanderbrechen Jugoslawiens in den Griff zu bekommen, haben sich nie von der anfänglichen Weigerung erholt, die schwelende Krise ernst zu nehmen. Je mehr Zeit verstrich, desto ferner rückten die einzigen befriedigenden Lösungen - Lösungen, die Verfassungsmäßigkeit mit Multinationalität, Prinzipien mit Haltbarkeit verbanden. Durch das Trauma wurde dem Westen bewußt, daß er sehr wohl von der Instabilität auf dem Balkan betroffen war, von Flüchtlingsströmen bis hin zu den Gefahren einer Konfliktausweitung.

Februar 1995

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juli 2020

In der Juli-Ausgabe beleuchten der Historiker Ibram X. Kendi und die Soziologin Keeanga-Yamahtta Taylor die lange Tradition rassistischer Gewalt in den USA – und zeigen Wege aus dem amerikanischen Albtraum auf. Der Soziologe Gary Younge und der Journalist Marvin Oppong richten den Blick auf den Rassismus und die Polizeigewalt in Europa. Der Journalist Michael Pollan legt die brutale Effizienz der Lebensmittelindustrie offen – die uns alle buchstäblich krank macht. Und »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert den steilen Aufstieg Markus Söders inmitten der Coronakrise - und dessen Chancen, nächster Bundeskanzler zu werden.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema