Ausgabe Juli 1995

Eine Herrschaftslehre aus dem Westen

Das fernöstliche Wirtschaftswunder und die Instrumentalisierung des Konfuzianismus

In den letzten Jahren ist die sog. Konfuzianismusthese, die die wirtschaftlichen Erfolge Ostasiens auf die konfuzianische Tradition dieser Länder zurückgeführt, zu einem dominierenden Erklärungsmuster fernöstlicher Entwicklung geworden. Nach dem Scheitern des osteuropäischen Sozialismus scheint das "konfuzianische Wirtschaftsmodell" als Alternative zum westlichen Kapitalismus noch mehr an Anziehungskraft gewonnen zu haben. Bedauerlicherweise besteht die zugrundeliegende Interpretation im wesentlichen aus westlichen Klischees von Ostasien. Überhaupt war die Rezeption jener Philosophie im Westen im Grunde stets ein Spiegelbild der Entwicklung der abendländischen Gesellschaft und ihrer Geisteswelt. Deshalb sagt sie mehr über das Abendland als über ihren Gegenstand aus. 1) Vor dem Hintergrund der Krise der westlichen Ökonomien und ihrer Herausforderung durch aufstrebende Schwellenländer aus Fernost wird die unselige Tradition der europäischen Klischeebildung seit einigen Jahren fortgeschrieben. Dabei blickt man leichtfertig oder absichtlich über die konkrete politisch-gesellschaftliche Verfassung der in Frage stehenden Staaten hinweg - und negiert überdies die demokratischen Ansätze im Konfuzianismus. 2)

Zur Vorgeschichte: Hegel, Weber und das "orientalische Wesen"

Im 17.

Juli 1995

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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