Ausgabe Juni 1995

Das Raunen der Elite

Die Nacht der Regisseure sollte ein "Film zum hundertsten Geburtstag des Kinos" sein, in dem deutsche Filmemacher ihre Bilanz des ersten Jahrhunderts ziehen" (arte, 29.4.). Aber die "sensationelle Versammlung von Individualitäten", die Edgar Reitz uns vorstellt, ist künstlich montiert einzeln aufgenommene Statements wurden zusammengeschnitten und die übrigen zuhörenden, konzentriert ins Leere blickenden und mit dem Kopf nickenden Künstler per Trick eingeblendet. Das ganze spielt in einem fiktiven Kinosaal, auf dessen Leinwand ab und zu Ausschnitte aus Filmen laufen, und auf dessen Bühne einer ab und zu Klavier spielt. In diesem virtuellen Raum, weder Kulisse noch Studio, sondern ein Produkt des Bildmischers, war ein Gespräch nicht möglich, und vielleicht wäre es auch nicht zustande gekommen, hätten sie alle wirklich und gleichzeitig beieinandergesessen.

Das Arrangement vermittelte eine sterile, lächerliche Feierlichkeit, die exakt auf die narzißtischen, tiefsinnigen Banalitäten abgestimmt schien, die fast alle Beteiligten äußerten. Volker Schlöndorff bekennt, er könne ein deutsches Frauengesicht auf der Leinwand sofort als solches erkennen, und er bedaure es heute, nie mit Romy Schneider gearbeitet zu haben, "weil sie ihm zu deutsch war".

Juni 1995

Sie haben etwa 28% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 72% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.