Ausgabe Januar 1996

Polens Säkularisierung

Die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen 1995 in Polen sind aus vielerlei Gründen bemerkenswert. Vor allem wegen der Niederlage von Lech Walesa, dem legendären Symbol der Solidarnosc. Diese Wahlen haben aber auch andere Mythen gestürzt. Zum Verlauf: Die Wahlordnung war sehr liberal. Praktisch konnte fast jeder polnische Bürger über 35 Jahren, der mindestens 100 000 Unterschriften zur Unterstützung seiner Kandidatur der Wahlkommission vorlegte, als Präsidentschaftskandidat registriert werden. Dies erklärt die sehr hohe Anzahl zugelassener Kandidaten. Von den 19 Bewerbern haben sich zwei kurz vor dem ersten Wahlgang zurückgezogen, als klar wurde, daß sie keine Chancen haben. Unter den verbliebenen 17 befanden sich neben bekannten politischen und öffentlichen Persönlichkeiten auch ganz exotische Figuren, die sich selbst oder ihre Waren propagieren wollten. (Sie erhielten im ersten Wahlgang zwischen 0,04 und 1,3% der Stimmen.) Die rechtsorientierten Post-Solidarnosc-Parteien (es gibt deren ein Dutzend oder mehr) waren nicht imstande, einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen.

Zwar waren alle der Meinung, daß nur ein gemeinsamer Kandidat der Rechten Kwasniewski besiegen könne, aber jeder der Vorsitzenden dieser Parteien war überzeugt, daß eben er dazu der geeignetste sei. Die Gespräche darüber, u.a. mit Hilfe der katholischen Kirche geführt, brachten allesamt nichts.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Alternativen zum Geist der Ausbeutung

von Mariana Mazzucato

Während das Weltwirtschaftsforum in Davos unter dem Motto »A Spirit of Dialogue« (Ein Geist des Dialogs) tagt, haben die USA die Kontrolle über die Ölinfrastruktur Venezuelas übernommen und eine »unbefristete« amerikanische Verwaltung der Erdölreserven des Landes eingerichtet.