Ausgabe Januar 1996

Polens Säkularisierung

Die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen 1995 in Polen sind aus vielerlei Gründen bemerkenswert. Vor allem wegen der Niederlage von Lech Walesa, dem legendären Symbol der Solidarnosc. Diese Wahlen haben aber auch andere Mythen gestürzt. Zum Verlauf: Die Wahlordnung war sehr liberal. Praktisch konnte fast jeder polnische Bürger über 35 Jahren, der mindestens 100 000 Unterschriften zur Unterstützung seiner Kandidatur der Wahlkommission vorlegte, als Präsidentschaftskandidat registriert werden. Dies erklärt die sehr hohe Anzahl zugelassener Kandidaten. Von den 19 Bewerbern haben sich zwei kurz vor dem ersten Wahlgang zurückgezogen, als klar wurde, daß sie keine Chancen haben. Unter den verbliebenen 17 befanden sich neben bekannten politischen und öffentlichen Persönlichkeiten auch ganz exotische Figuren, die sich selbst oder ihre Waren propagieren wollten. (Sie erhielten im ersten Wahlgang zwischen 0,04 und 1,3% der Stimmen.) Die rechtsorientierten Post-Solidarnosc-Parteien (es gibt deren ein Dutzend oder mehr) waren nicht imstande, einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen.

Zwar waren alle der Meinung, daß nur ein gemeinsamer Kandidat der Rechten Kwasniewski besiegen könne, aber jeder der Vorsitzenden dieser Parteien war überzeugt, daß eben er dazu der geeignetste sei. Die Gespräche darüber, u.a. mit Hilfe der katholischen Kirche geführt, brachten allesamt nichts.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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