Bilanzieren wir einen Augenblick lang die Befindlichkeit der europäischen Linken in den 80er und 90er Jahren, so stellt eine Eigenschaft alles andere in den Schatten: ihre Fähigkeit zu trauern. Etwas lästerlich könnte man auch sagen: ihre Fähigkeit, zu lamentieren und vertanen Chancen nachzusinnen, ist schier grenzenlos. Wer wollte bestreiten, daß es dafür vor und nach der Zeitenwende von 1989/90 guten Grund im Übermaß gab und gibt? Nur bringt die gleiche Eigenschaft eine Kehrseite mit sich, die nicht weniger wirklichkeitsfremd ist: die Unfähigkeit, Erfolge in der Politik als Erfolge wahrzunehmen. Sie nicht so beharrlich auf Grenzen, Gefahren, Risiken hin zu analysieren, daß sie schließlich in die nächste allfällige Enttäuschung einmünden. Womit sich diese Art, den Gang der Dinge zu begleiten, aufs beste selbst bestätigt. Es ist schon verblüffend, wie unvorbereitet der Wahlsieg der italienischen Linken hierzulande in die Schlagzeilen geriet - und wie schnell er daraus wieder verschwunden ist. Und zwar in der gesamten Öffentlichkeit, gerade so als habe es sich um ein von Anfang an randständiges Ereignis gehandelt. Ein paar Tage noch wurden die überraschenden Kursgewinne der Lira trotz der vom Wähler gewollten Linkswende bestaunt.
In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.