Ausgabe November 1996

Staat und Solidarität

Von Solidarität ist seit einigen Jahren immer häufiger die Rede: beispielsweise dann, wenn es um die Mobilisierung von Handlungsund Opferbereitschaft im Zusammenhang mit der deutschen Einheit geht. Über diese spezifisch deutsche Problematik hinausreichend hat das Thema "Solidarität" aber auch in der internationalen Diskussion eine bemerkenswerte Konjunktur. Dies gilt vor allem im Hinblick auf zwei Kontexte. Zum einen im Hinblick auf die allenthalben diskutierte Krise des Sozialstaats, die einem sehr alten grundsätzlichen Einwand gegen staatliche Umverteilung neue Aktualität verliehen hat: Solche Umverteilung werde aus Steuermitteln finanziert, die mit der Androhung von Gewalt eingetrieben werden; sozialstaatliche Solidarität beruhe somit auf Zwang und sei daher abzulehnen. Zum zweiten wird von zahlreichen Autoren eine zunehmende Entsolidarisierung der modernen Gesellschaft konstatiert: die Individualisierung habe exzessive Dimensionen angenommen. Eine Stärkung solidarischer Bande, womöglich gar eine Rückbesinnung auf die brüderliche Gemeinschaft sei dringend notwendig.

I. Solidarität und Sicherheit

Im politischen Alltag wird von "Solidarität" hauptsächlich dort gesprochen, wo es um die Umverteilung finanzieller Ressourcen zugunsten materiell bedürftiger Individuen oder Gruppen geht.

November 1996

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.