Ausgabe August 1997

Kalkulierte Nebenwirkung

Es sei "mit Sicherheit der Höhepunkt des Fernsehjahres", kündigte der stern an, und die Frankfurter Rundschau fand, dies sei "Fernsehen auf der höchstmöglichen Qualitätsstufe". Gemeint ist Heinrich Breloers zweiteiliger Fernsehfilm Todesspiel (ARD, 24. und 25.6.1997) über den deutschen Herbst 1977, ein dokumentarisches Fernsehspiel. Diese Spielform besteht in dem Versuch, die beiden Grundfunktionen des Fernsehmediums, Information und Unterhaltung, eng miteinander zu verknüpfen, die Fiktion in den Dienst der Fakten zu stellen, zwecks Aufklärung über einen politischen Vorfall oder gesellschaftliche Zustände. Es gehört zu den Grundkonventionen des Doku-Dramas, daß die gespielten Figuren dokumentarisch belegbare Aussagen machen, daß dieser Authentizität eine eher sachliche dramaturgische Gestaltung entspricht, und daß die Aufklärungsfunktion Vorrang hat vor dem dramatischen Element.

In diesem Film sind die Gewichte umgekehrt verteilt. Er beginnt wie ein Thriller (und folgt ähnlichen Mustern bis zum Schluß): Arbeitgeberpräsident Schleyer steigt aus seinem Privatjet und fährt im Auto nach Hause. In Parallelmontage dazwischengeschnitten werden die Vorbereitungen der RAF zu seiner Entführung. Wir sehen (nachinszeniert), was die Tagesschau damals nicht zeigen konnte, und wissen, was danach passiert ist (im Film passieren wird).

August 1997

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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