Ausgabe Juli 1997

EU-Erweiterung im Schatten der NATO

Die Washingtoner "Neue Atlantische Agenda" dominiert gegenwärtig den transatlantischen Dialog im Vorfeld der Madrider Konferenz über die NATO-Osterweiterung im Juli. Präsident Clinton hat gesagt, daß diese Generation "die Möglichkeit hat, das große Werk, das die Generation des Marshallplans begonnen hatte, zu vollenden und zum ersten Mal in der Geschichte ein demokratisches, friedliches, ungeteiltes Europa zu schaffen." Er meint, die NATO-Erweiterung ermögliche eine amerikanisch garantierte Einigung von West- und Osteuropa, vergleichbar in ihren Folgen mit der Bürgschaft des Marshallplans für Westeuropas eigene Integration nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Sichtweise geht davon aus, daß die NATO-Expansion zum wichtigsten politischen Ziel in Europa geworden ist, mehr noch als die Erweiterung der Europäischen Union. Die vergrößerte transatlantische NATO wird so präsentiert, als vervollständige und übertreffe sie in gewisser Weise eine rein europäische EU. Dieser Aspekt der Angelegenheit ist der Grund dafür, daß Baronin Thatcher die parallele "Neue Atlantische Initative", die vor einem Jahr in Prag in Anwesenheit von Vaclav Havel, Margaret Thatcher und Henry Kissinger ins Leben gerufen wurde, unterstützt.

Es handelt sich um die konservative Version des Clinton Programms.

Juli 1997

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