Ausgabe Juni 1997

Blairs Erfolgsformel

Die Schlacht um Großbritannien ist geschlagen, Tony Blair hat gesiegt. Ist ER jetzt der große Mediencaesar, der Neo-Bonaparte, der Charismatiker, dem allein der Triumph geschuldet ist? Die "Tagesschau" sprach von "der Wucht seiner charismatischen Persönlichkeit", der die Tories nichts entgegenzusetzen hatten.

Aber so einfach läßt Labours Wahlsieg sich nicht erklären. Wie immer in solchen Fällen gelten - "einerseits und andererseits", "sowohl als auch" - viele Gründe. Kein Zweifel: Noch kein Wahlkampf der Labour Party ist so zentralistisch geführt worden, noch nie wurden amerikanische Wahlkampfmethoden und auch Wahlberater so unvermittelt übernommen wie 1997. Der Eindruck der "Amerikanisierung", der Personalisierung des Wahlkampfes - einer Art "Cassarisierung" - mußte sich einstellen. Ein Politikwissenschaftler der London School of Economics formulierte treffend: "Leadership in a Bonapartist Situation". Die Zentralisation der Labour Party und ihres Wahlkampfes hat zunächst und vor allem strukturelle Gründe. Zwei sind besonders hervorzuheben. 1) Großbritannien ist heute der wohl am stärksten zentralisierte Staat Westeuropas, wie im Vergleich zur Bundesrepublik, aber selbst zu Frankreich deutlich wird. Es fehlen föderale Ansätze, selbst dort, wo schottischer und walisischer Nationalismus ein Problem darstellen.

Juni 1997

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