Ausgabe Juni 1997

Herzogs Standortpauke

Deutschland im Jahr 2020: 4% Wachstum, 5% Arbeitslosigkeit, d.h. Vollbeschäftigung. Überall Unternehmungslust und deutsche Arbeitsmoral. Wahlmöglichkeiten werden groß geschrieben: vier Klassen bei der Deutschen Bahn, vier Typen weiterführender Schulen, eine breite Palette von Aktienangeboten zur Altersabsicherung und ein ebenso breites Angebot an unterschiedlich preisgünstigen Zahnfüllungen. Die Interessengruppen denken vor allem ans Gemeinwohl und spornen ihre jeweilige Klientel beim "Wettbewerb des Verzichts" an. Ein deutscher Schüler ist von "Time" zum Denker des Jahres gekürt worden. - In aller Welt spricht man vom deutschen Gemeinsinn: "Jeden Tag eine gute Tat." Alten- und Pflegeheime gehören der Vergangenheit an, freiwilliges Engagement Jugendlicher hat sie überflüssig gemacht.

In den Geschichtsbüchern liest die nachwachsende Generation, daß "Greenpeace" und "BUND" vor 25 Jahren mit spektakulären Aktionen und Boykottaufrufen versuchten, die Einführung von genmanipuliertem Soja zu behindern. Das Gebaren dieser "Umweltschützer" erscheint den Schülern, die einen aufgeklärten Umgang mit Technik pflegen, so absurd und anachronistisch wie der Weberaufstand 1844, der eine Woche zuvor auf dem Lehrplan stand.

Juni 1997

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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