Mit ihrem Sieg bei den indischen Parlamentswahlen hat die hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) den vorläufigen Höhepunkt ihres erstaunlichen Aufstieges zur stärksten politischen Kraft erreicht. Sie regiert heute in sieben von 26 Bundesstaaten, stellt nun schon zum zweiten Mal die größte Fraktion im indischen Unterhaus und mit großer Wahrscheinlichkeit auch den zukünftigen Premierminister. Spitzenkandidat der BJP war der charismatische A.B. Vajpayce. Er gilt als Gemäßigter und wird über die Parteigrenzen hinaus respektiert. Groß aber ist die Angst, daß Vajpayce nur die Maske ist, hinter der sich die Fratze eines aggressiven Hindutums verbirgt, das Indien in seinen Grundfesten zu erschüttern droht. Unvergessen bleibt der 6. Dezember 1992, als Tausende fanatisierter Hindus, aufgehetzt von jahrelanger Propaganda der Hindunationalisten, die Babri-Moschee im nordindischen Ayodhya stürmten und dem Erdboden gleichmachten, um an ihrer statt einen Tempel für den mythischen Gottkönig Ram zu erbauen. Die Welle der Gewalt, die dadurch ausgelöst wurde, gehört zu den dunkelsten Kapiteln des modernen Indien.
Zu den bitteren Erkenntnissen internationaler Politik und Berichterstattung gehört: Unsere Aufmerksamkeit reicht oft nur für eine Großkrise. Das Resultat: vergessene Konflikte überall auf der Welt.