In jüngster Zeit ist sie bedenklich angeschwollen - die Klage über den Zustand unserer Republik. Und ein ums andere Mal kehrt man auf das große Ärgernis zurück: daß wir in einer blockierten Gesellschaft leben, deren Akteure nicht mehr imstande sind, existentielle Reformen durchzusetzen. Einig sind sich darin Politiker fast aller Couleur (wiewohl sie natürlich darüber streiten, wessen Partei "verantwortlich" sei). Zustimmen können dem vernichtenden Urteil die Wortführer der Industrie, deren Investitionsfreude durch resistente "Errungenschaften" gebremst wird. In den Chor fallen schreibende Zeitgenossen mit ein, jene, die das Ohr dicht am Ort des Geschehens haben und Tag für Tag mißratene Initiativen oder kassierte Pläne kommentieren müssen; aber auch solche mit Sitz im Elfenbeinturm, deren privilegierter Blick aufs Ganze und Wahre erkennen muß, daß davon wohl nichts Wirklichkeit wird. Durch die Klagen schimmert das Bild einer heilen Welt, in der Politik etwas Ernstes ist und Republik eben "res publica", eine öffentliche Angelegenheit, deren Schicksal alle Bürger angeht und von besonders befugten besorgt wird - an verbindlichen Zielen ausgerichtet, von energischem Willen getragen, als eine konzentrierte Veranstaltung.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.