Ausgabe Juni 1998

Palästinenser und Gastarbeiter in Israel

Treffpunkt Zentralbusstation Tel Aviv. Mansari aus Sierra Leone, 32 Jahre alt, wirkt gelassen. Nur sein unauffällig umherschweifender Blick verrät, daß er gewohnt ist, sich zu verstecken: Seit sechs Jahren lebt Mansari illegal in Israel. Er hat hier seine Frau kennengelernt und ein Kind mit ihr bekommen. Sie teilen sich mit anderen eine Wohnung, haben ein Telefon und ein Handy. An sechs Tagen der Woche putzt der gelernte Lehrer bei israelischen Familien. Als seine Tochter erkrankte, mußte er zusätzliche Arbeit annehmen, um die Krankenhauskosten bezahlen zu können, denn auf eine Krankenversicherung kann er nicht zurückgreifen. Die rund 5 000 Afrikaner in Israel haben ein Selbsthilfesystem: Sie unterstützen sich gegenseitig beim Babysitten, unterrichten ihre Kinder und sammeln Geld für Kranke.

Offiziell existieren sie zwar nicht, inoffiziell werden sie jedoch mehr oder weniger geduldet: Sie verrichten Jobs, die die meisten Israelis ablehnen. Mansari hat jetzt die "African Workers' Union" gegründet, die die Interessen seiner Landsleute vertreten soll. Die Forderung: Der Status der Afrikaner soll für fünf Jahre legalisiert werden. "Wir sind kein Teil dieses Landes, denn wir sind keine Juden. Wir wollen nicht auf Dauer bleiben, sondern in unsere Heimat zurückkehren, sobald die politischen Probleme dort gelöst sind", sagt Mansari.

Juni 1998

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.