Ausgabe November 1998

Pop goes the culture

Gibt es irgendwo in unserer vernetzten Welt einen Menschen, der nicht weiß, daß am 14. Mai 1998 die Seinfeld-Serie auslief und Frank Sinatra starb? Seinfelds letzter Auftritt und Sinatras Tod - beides geschah in fast grotesker Gleichzeitigkeit. Die Nachricht und die ihr folgenden Bilder flossen innerhalb von Sekunden in Amerikas Medienstrom. Sämtliche memorial clips waren schon fertig, die Nachrufe längst im voraus formuliert. Millionen Menschen, vielleicht Hunderte Millionen, empfanden etwas in virtuellem Einklang - oder fühlten sich doch verpflichtet, dasselbe zu fühlen wie die anderen. In dieser Hinsicht wird das 21. Jahrhundert wahrscheinlich dem ablaufenden ähneln. Popular culture ist geradezu der Sauerstoff unseres kollektiven Daseins. Sie hält Verbindungen zusammen. (Bekanntschaftsanzeigen könnte man sicherlich ungeschickter einleiten als mit "Suche gleichgesinnten Sinatra-Liebhaber; let's do it your way" oder "Gesucht: Seinfeld-Gegner aus Gewissensgründen." Die Leute, die man kennenlernen möchte, würden wissen, was gemeint ist.)

Die Populärkultur führt Gemeinschaften zusammen Showpublikum, Fanklubs, chat groups. Sie erfüllt die Alltagskonversation. (Philip Roth: Amerika ist voll "erstklassiger Menschen, die angeregt über zweitrangige Filme plaudern.") Sie überlagert die Politik.

November 1998

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