Ausgabe Oktober 1998

Politisierung des Privaten, Privatisierung des Politischen

Seit Monaten wird die amerikanische Öffentlichkeit in immer neuen Dosierungen und Dossiers über das Sexualleben ihres Präsidenten auf dem laufenden gehalten. Dabei geht es schon lange nicht mehr um den Wahrheitsgehalt der tatsächlichen oder vermeintlichen Affären, sondern darum, wie das Sexualleben des Präsidenten am besten politisch funktionalisiert werden kann. Der Präsident, aber auch seine Widersacher beschäftigen inzwischen ganze Stäbe von Beratern und Juristen damit, in dieser Schlacht Punkte zu machen. Dabei wird die amerikanische Öffentlichkeit beinahe täglich mit neuen Details aus dem Oral Office, wie das Büro des Präsidenten mittlerweile spaßhaft genannt wird, versorgt.

Der Grad der Entpolitisierung dieses Ereignisses läßt sich unter anderem daran ermessen, daß sowohl die Gegner als auch die Freunde des Präsidenten mit denselben Waffen kämpfen. Während die einen das Privatleben des Präsidenten ausschlachten wollen, um ihn mit Hilfe der hohen moralischen Normen, die die moral society in den USA an die Persönlichkeit ihrer Politiker stellt 1), zu Fall zu bringen, machen die anderen aus dem Privatleben des Präsidenten eine Tugend.

Oktober 1998

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