Ausgabe September 1998

Virtuelle Apotheose einer Nation

Das Hauptmerkmal des Katastrophenfilms war, als das Genre in den 60er Jahren seine erste Blüte hatte, von Susan Sontag in einem Essay The imagination of disaster als "Ästhetik der Zerstörung" beschrieben worden. Armageddon (Regie: Michael Bay, Produktion Jerry Bruckheimer), der ultimative Angriff der Mehrkanal-Tontechnik auf die Hörnerven des Publikums, ist nicht mehr Ästhetik der Gewalt, sondern gewalttätige Ästhetik.

Der Plot, soweit er nicht in den Orgien der special effects verschwindet, ist simpel: Ein riesiger Meteor (oder eine Heer von Außerirdischen oder durch Genmanipulation degenerierter Rieseninsekten oder das GodzillaMonster, was auch immer) bedroht die Erde so ultimativ, daß - so der witzig-sarkastische Offizier - "Totalschaden" zu befürchten ist. Aber sie wird natürlich gerettet, die Erde, und mit ihr einige - im Zweifel erz-konservative - menschliche Werte und Tugenden, auch wenn man Opfer in Kauf nehmen muß, zum Beispiel, in einer fernen Kolonie, die Zerstörung einer Stadt namens Paris. Zu den Neuentwicklungen des Genres auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert gehört es, daß die Retter nicht zur traditionellen Elite der Gesellschaft gehören. Im Gegenteil, die Institutionen (Army, FBI, NASA) benehmen sich gelegentlich außerordentlich fies, sind aber lernfähig.

September 1998

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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