Die algerischen Präsidentschaftswahlen vom 15. April haben die Versprechen des Wahlkampfs nicht erfüllt. Der Rückzug der Kandidatur von sechs der sieben Bewerber (Mouloud Hamrouche, Ahmed Taleb Ibrahimi, Hocine Ait-Ahmd, Youcef Kalib, Abdullah Djaballah und Mokdad Sifi) hat das regierungsamtliche Ergebnis jeder Glaubwürdigkeit geraubt und dem neuen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika - wie zu Zeiten der Einheitspartei einziger Kandidat - einen schwierigen Start bereitet. Er hat das höchste Amt im Staat ohne die Legitimität angetreten, die er zur Stabilisierung der Lage eines seit sieben Jahren in der politischen Krise steckenden Landes gebraucht hätte. Der von den anderen Kandidaten kritisierte Status quo ist so erhalten geblieben. Zumindest an der Oberfläche hat sich seit der Ära von Bouteflikas Vorgänger, Liamine Zeroual, nichts geändert. Es genügt, sich das aktuelle politische Personal anzuschauen, das identisch geblieben ist - weder im Wahlkampf noch nach der Wahl ist in Ahdelaziz Bouteflikas Umfeld eine einzige unverbrauchte Persönlichkeit aufgetaucht -, um festzustellen, daß das herrschende System sich selbst perpetuiert hat.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.