Ausgabe August 2000

Bermudadreieck Kanzleramt

"Tragisch" sei die Art und Weise, in der Helmut Kohl sein eigenes Lebenswerk und sein Bild in der Geschichte zerstöre, sagen sowohl Parteifreunde als auch politische Gegner des Altkanzlers unter Hinweis auf dessen starrköpfiges Verhalten im parlamentarischen Untersuchungsausschuß. Eine verräterische Formulierung. Der Duden definiert den Begriff der Tragik als "unverdientes Leid, das den außenstehenden Betrachter durch seine Größe erschüttert". Im Kopf haben die meisten derjenigen, die in diesen Tagen und Wochen von Tragik sprechen, diese Definition gewiß nicht. Aber durchaus im Gefühl: Sie möchten gerne außenstehende Betrachter des CDU-Spendenskandals sein - ob sie dieser Partei nun angehören oder nicht. Darüber hinaus eint der Wunsch, den weltweit geachteten Kanzler der Einheit möge sein Schicksal unverdient getroffen haben, die politische Klasse in Deutschland über alle trennenden Grenzen hinweg.

Dieser Wunsch ist nicht erfüllbar. Helmut Kohl hat die CDU 25 Jahre lang geführt und geprägt, und er war 16 Jahre lang Regierungschef der Bundesrepublik. Er wäre selbst dann der Hauptverantwortliche für den Spendenskandal seiner Partei, wenn er persönlich nie einen Geldschein in die Hand genommen hätte.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Indonesien: Die Wut der Gen Z und ihr Kampf gegen die Eliten

von Markus Berg

Seit zwei Jahren ist Indonesiens Präsident Prabowo Subianto nun im Amt – der konservative Ex-General folgte im Oktober 2024 auf den beliebten einstigen Reformer Joko Widodo, kurz: Jokowi, der das Land zehn Jahre lang regiert hatte.

Führungsfetisch statt Bürgernähe

von Markus Linden

Der rasende Autoritäts- und Machtverlust, den die Union und der Bundeskanzler binnen nicht einmal zwei Jahren an der Regierung erlitten haben, erklärt sich nicht zuletzt durch Friedrich Merz’ Führungsstil. Merz setzt ganz auf cäsaristische Anweisung von oben.