Ausgabe Juni 2000

Ecce homo

Der junge französische Filmemacher Bruno Dumont hat bislang zwei Filme gemacht: Das Leben Jesu und L'humanité, was übersetzt werden kann mit "Die Menschheit" oder "Die Menschlichkeit", aber bekanntlich auch der Name des Zentralorgans der französischen Kommunistischen Partei ist. Beide Titel setzen die Geschichte, die sie erzählen, in einen paradigmatischen Zusammenhang: Seht, so ist die Menschenwelt. Diese Welt ist eine Provinzstadt im Norden Frankreichs (in der der Regisseur geboren ist und lebt), und beide Male geht es um Verbrechen.

Im ersten Film wird ein junger Araber umgebracht, im zweiten ein kleines Mädchen vergewaltigt und getötet. Die Gründe (Rassismus, sexuelle Überfixierung) haben offensichtlich etwas zu tun mit dem Lebensgefühl einer in jeder Hinsicht marginalisierten Jugend. Sie tötet und vergewaltigt aus Langeweile, als Kompensation eines Gefühls der existentiellen Überflüssigkeit oder was immer die zuständigen Instanzen an Erklärungen zu bieten haben. In beiden Filmen erscheinen die eigentlich strafunmündigen Täter am Ende eher als verzweifelte Opfer eines unerbittlichen sozialen Prozesses der sittlichen und moralischen Verrohung und Abgestumpftheit. In diesen sozialkritischen Kriminalfilmen werden uns jedoch zentrale Krimi-Konventionen vorenthalten.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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